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Elisabeth
Music: Sylvester Levay
Lyrics: Michael Kunze
Premiere: Thursday, September 3, 1992
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ERSTER AKT
PROLOG
Die nchtliche Welt der Toten und Trumer - der Friedhof der Vergangenheit. Zerfetzte Fahnen,
welke Blumen, bemooste Steine und modernde Erinnerung. Ein Erhngter baumelt an einem Seil - Luigi
Lucheni, Elisabeths Attentter.
Aus dem Nichts klingt die Stimme des Richters. Lucheni kommt auf die Buhne und schneidet seinen
toten Krper vom Seil.
STIMME DES RICHTERS:
Aber warum, Lucheni? Warum haben
Sie die Kaiserin Elisabeth ermordet?
LUCHENI:
Alla malora!
STIMME DES RICHTERS:
Antworten Sie, Luigi Lucheni!
Aus dem Buhnenboden taucht die versunkene Welt des alten Habsburgerreiches wieder auf. Zwischen
Relikten der Vergangenheit, zunchst nur schemenhaft, das Ensemble (bis auf Elisabeth und den
Tod). Es bildet ein Tableau von Gestalten des 19. Jahrhunderts, die sich geisterhaft aus dem Dunkel
des Vergessens ins Licht der Erinnerung bewegen.
LUCHENI:
Warum, warum... Nacht fur Nacht dieselbe Frage,
seit hundert Jahren! Was soll die Fragerei? Merda.
Ich bin tot!
STIMME DES RICHTERS:
Das gemeine Attentat auf die Kaiserin
von sterreich...
LUCHENI:
Va a farti fottere!
STIMME DES RICHTERS:
Nennen Sie endlich die Hintergrunde!
LUCHENI:
Die Hintergrunde? Ich habe sie ermordet, weil sie
es wollte.
STIMME DES RICHTERS:
Reden Sie keinen Unsinn!
LUCHENI:
Sie wollte es. Dafur gibt es ehrenwerte Zeugen.
STIMME DES RICHTERS:
Was fur Zeugen sollen das sein?
LUCHENI:
Ihre Zeitgenossen, bitte sehr! Kommen alle nicht
zur Ruhe... und reden immer noch von... Elisabeth!
DIE TOTEN:
Versunken ist die alte Welt; verfault das Fleisch,
verblaßt der Glanz. Doch wo sich Geist zu Geist gesellt, da
tanzt man noch den Todestanz...
Lust, Leid - Wahnsinn, der uns treibt.
Not, Neid - Pflicht, die uns erdruckt.
Traum, Tran - alles, was uns bleibt:
Wunsch, Wahn, der die Welt verruckt...
SOPHIE & LUDOVIKA:
Wir haben es gut gemeint mit Sisi.
Uns trifft keine Schuld!
Das Kind war so sensibel...
Wir dachten uns, die trifft es gut,
doch sie traf es ubel.
Sie hat zuviel verlangt vom Leben.
Ihr fehlten Demut und Geduld.
Uns trifft keine Schuld!
Keine Schuld!
FRANZ JOSEPH (gleichzeitig):
Es blieb mir nichts erspart im Leben.
Es war nicht leicht mit ihr.
Doch htt's nicht diese Frau gegeben,
wr' ich zugrund' gegangen hier.
RUDOLF ALS KIND (gleichzeitig):
Allein... So allein...
Immer allein!
DIE ANDEREN TOTEN (gleichzeitig):
Versunken ist die alte Welt; verfault das Fleisch,
verblaßt der Glanz. Doch wo sich Geist zu Geist gesellt, da
tanzt man noch den Todestanz...
Lust, Leid - Wahnsinn, der uns treibt.
Not, Neid - Pflicht, die uns erdruckt.
Traum, Tran - alles, was uns bleibt:
Wunsch, Wahn, der die Welt verruckt...
MAX:
Niemand war so scheu wie sie.
FRANZ JOSEPH:
Jeder Blick tat ihr weh.
DIE ANDEREN TOTEN (gleichzeitig):
Wir dem Tod geweiht...
SOPHIE & LUDOVIKA:
Stets hielt sie sich den Fcher ins Gesicht oder ihren Schirm.
DIE ANDEREN TOTEN (gleichzeitig):
Schatten am Abgrund der Zeit.
RUDOLF ALS MANN:
Sie und ich - wir waren uns so hnlich.
MAX:
Nie gab sie die Freiheit auf.
RUDOLF ALS MANN (teilweise gleichzeitig):
Wir htten uns so gut verstanden.
RUDOLF ALS KIND:
Sie lie? mich allein.
DIE ANDEREN TOTEN (gleichzeitig):
Verwhnt! Bedroht!
FRANZ JOSEPH, RUDOLF, MAX, SOPHIE & LUDOVIKA:
Ein Schatten lag auf ihrer Seele,
auf ihrem Leben lag ein Fluch!
ALLE TOTEN:
Alle tanzten mit dem Tod -
doch niemand wie Elisabeth.
Alle tanzten mit dem Tod -
doch niemand wie Elisabeth...
Die Musik bricht ab. Das Thema des Todes erklingt. Die Toten erstarren. Pltzlich steht der Tod
mitten unter ihnen. Lucheni bleibt unbeeindruckt. Er spielt den Zermonienmeister.
LUCHENI:
Attenzione! Seine Majestt der Tod!
Der Tod ist jung, attraktiv und erotisch. Er gleicht einem androgynen Popstar und hnelt dem
jungen Heinrich Heine. Auch er denkt an Elisabeth zuruck.
TOD:
Was hat es zu bedeuten: dies alte Lied.
Das mir seit jenen Zeiten die Brust durchgluht?
Engel nennen's Freude, Teufel nennen's Pein,
Menschen meinen, es mu? Liebe sein.
Mein Auftrag heißt zerstren.
Ich tu es kalt.
Ich hol, die mir gehren, jung oder alt.
Wei? nicht, wie geschehn kann, was es gar nicht gibt -
Doch es stimmt: Ich habe sie geliebt.
Rhythmuswechsel. Der Tod lst die Toten durch eine Geste aus ihrer Starre. Augenblicklich beginnen
sie mit den eckigen Bewegungen des Totentanzes.
Nur Lucheni bleibt unbeteiligt. Er blickt wieder uber die Zuschauer in die Richtung, aus der die
Stimme des Richters kommt. Das Verhr geht weiter.
STIMME DES RICHTERS:
Sie weichen aus, Lucheni! Liebe,
Tod... Erzhlen Sie keine Mrchen!
LUCHENI:
Perche non? Sie liebte Heinrich Heine!
STIMME DES RICHTERS:
Zum letzten Mal, Lucheni: Wer waren Ihre Hintermnner?
LUCHENI:
Der Tod! Nur der Tod...
STIMME DES RICHTERS:
Das Motiv, Lucheni!
LUCHENI:
Die Liebe. Un grande amore... Ha, ha, ha...!
CHOR (außer Lucheni):
Elisabeth - Elisabeth!
LUCHENI (gleichzeitig):
Elisabeth - Elisabeth!
Blackout. Verwandlung.
1. HALLE VON POSSENHOFEN
Juni 1853. Die Halle von Schlo? Possenhofen am Starnberger See. Es ist spter Nachmittag. Als sich
die Szene aufhellt, sehen wir Elisabeths Vater Herzog Max. Er macht sich stadtfein, denn er ist dabei,
nach Munchen abzureisen, wo er die Nacht mit einer Schauspielerin verbringen wird. Die
15jhrige Elisabeth ist ihm nachgelaufen, denn sie will mitgenommen werden.
ELISABETH:
Mama hat heut Abend Gste,
das wird grauenhaft!
All die Onkel und die Tanten kommen her -
Und ich wollt', ich knnt' mich drucken
vor dem Klatsch und dem Getu!
Doch die Gouvernante l?ßt es nicht zu.
Herzog Max zupft sich vor dem Spiegel den Bart. Er pruft den Sitz seiner Krawatte.
ELISABETH:
Vater, warum kann ich denn nicht mit dir gehen?
MAX:
Weil es nicht geht!
ELISABETH:
Alles, was dir Spa? macht, mag ich fast noch mehr!
MAX:
In diesem Fall... Es geht nicht!
ELISABETH:
Trumen und Gedichte schreiben
oder reiten mit dem Wind.
Ich mchte mal so sein wie du.
MAX:
Das Leben ist zu kurz, da? man sich auch nur
eine Stunde langweilen darf. Und Familientreffen hasse ich
wie die Pest.
ELISABETH:
Ich auch...
Warum darf ich heut nicht wieder
auf den Kirschbaum rauf?
MAX:
Sei froh, da? dir's nicht so geht wie deiner Schwester...
ELISABETH:
Oder uben, auf dem Seil zu balancier'n.
MAX:
... Helene wird zur Kaiserin dressiert...
ELISABETH:
Oder mit den Brudern toben
auf der Wiese hinterm Haus.
MAX:
Ich misch mich da nicht ein!
ELISABETH:
Nein, die Gouvernante l?ßt mich nicht raus!
MAX:
Ich kann dir da nicht helfen.
ELISABETH:
Vater, warum kann ich denn nicht mit dir gehen?
MAX:
Vielleicht komm ich morgen nachmittag schon wieder...
ELISABETH:
Nach gypten, Spanien oder Katmandu...
MAX (sieht auf seine Taschenuhr):
... Hchste Zeit!
Herzog Max setzt den Hut auf und nimmt seine Zither unter den Arm. Er ist reisefertig.
ELISABETH:
Leben, frei wie ein Zigeuner
mit der Zither unterm Arm.
Nur tun was ich will...
Herzog Max gibt Elisabeth einen fluchtigen Ku? auf die Stirn...
MAX:
Adieu, Sisi...
ELISABETH:
... und woll'n, was ich tu.
MAX:
Sei brav...
Herzog Max geht rasch ab. Elisabeth sieht ihm nach.
ELISABETH:
Ich mchte mal so sein wie du!
Elisabeths Gouvernante tritt auf.
GOUVERNANTE:
Je vous en pris, princesse... Sie mussen sich umziehen...
ELISABETH:
Ich hasse es, mich umzuziehen. Ich hasse es,
Prinzessin zu sein.
GOUVERNANTE:
Mais, princesse...
ELISABETH:
Wenn ich keine Prinzessin wre, wurde ich
zum Zirkus gehen... als Kunstreiterin oder Artistin... Ich
kann jetzt auf dem Seil tanzen. Und erst meine
Trapeznummer! Die sollten Sie sehen, Madame...
GOUVERNANTE:
S'il vous plait! Venez maintenant...
Elisabeth folgt unfreiwillig der Gouvernante.
Beide ab. Verwandlung.
2. AM UFER DES STARNBERGER SEES
Eine Gesellschaft der Herzogin Ludovika am Abend desselben Tages. In Gruppen treffen die Gste
ein, uberwiegend Verwandte der herzglichen Familie aus dem lndlichen und mittleren Adel
Bayerns. Herzogin Ludovika, die sich fur diesen Anla? besonders herausgeputzt hat, begr?ßt
sie. Neben ihr steht Helene, die kaum atmen kann in ihrem engen Kleid. Die ankommenden Gste
heißen einander willkommen und bilden kleine Gruppen. Schlieich bittet Herzogin Ludovika
um Ruhe und hlt eine kleine Ansprache.
LUDOVIKA:
Schn, euch alle zu sehen.
Ich mchte, da? ihr wißt:
Bald wird etwas geschehen,
das sehr bedeutsam ist.
EIN GROßONKEL ELISABETHS:
Was macht sie sich so wichtig?
EINE TANTE ELISABETHS:
Was spielt sie sich so auf?
LUDOVIKA:
Unsere Familie steigt empor!
ZWEI BRuDER LUDOVIKAS:
Helene hab ich schon lange zu Hohem auserseh'n.
Seht das Mdchen euch an: Gebildet,
klug und schn.
EIN EHEPAAR:
Nicht so schn wie unsre!
VERSCHIEDENE VERWANDTE:
Was gibt sie blo? so an?
LUDOVIKA:
Ich werd mit Nene nach Bad Ischl fahr'n!
EINE NICHTE LUDOVIKAS:
Von mir aus!
EIN SCHWAGER LUDOVIKAS:
Sehr bedeutsam...!
EINE ENTFERNTE VERWANDTE:
Ist das alles?
VERSCHIEDENE VERWANDTE:
Bad Ischl!?
EINE TANTE ELISABETHS:
Und deshalb sind wir hergekommen?
LUDOVIKA:
Dort treffen wir im August Helenes Tante Sophie.
Sie schreibt, sie mchte uns sehn.
Den Grund erratet ihr nie...
EIN ENTFERNTER VERWANDTER:
Das ist doch des Kaisers Mutter!?
EIN ONKEL ELISABETHS:
Dann ist auch der Kaiser dort!
LUDOVIKA:
Sie mchte, da? Franz Joseph sich mit Helene trifft.
Meine Helene wird Kaiserin von sterreich!
Die Gste sind wirklich uberrascht, Sie reden aufgeregt durcheinander, whrend Herzogin
Ludovika voll Stolz ihre Helene prsentiert.
VERSCHIEDENE VERWANDTE:
Was!?
DAS EHEPAAR (gleichzeitig):
Helene? Kaiserin? Undenkbar!
ZWEI BRuDER LUDOVIKAS (gleichzeitig):
So ein Gluck!
VERSCHIEDENE VERWANDTE (gleichzeitig):
Gratulation! Bravo!
EIN GROßONKEL ELISABETHS:
Mit dem Vater? Peinlich!
EINE TANTE ELISABETHS (gleichzeitig):
Dann werden Herzogs bald zu fein sein fur unsereins...
VERSCHIEDENE VERWANDTE:
Bravo!
EIN GROßONKEL ELISABETHS (gleichzeitig):
Was fur Aussichten!
EINE NICHTE LUDOVIKAS (gleichzeitig):
Das heißt noch nicht, da? er sie nimmt!
EIN SCHWAGER LUDOVIKAS (gleichzeitig):
Kann nicht schaden, so eine Verbindung...!
Eine Zirkustrompete erklingt. Mehr und mehr Gste blicken mit erstaunten Gesichtern zum
ruckwrtigen Prospekt, hinter dem der Schatten der am Trapez schwingenden Elisabeth zu sehen
ist.
EINE TANTE ELISABETHS (sieht zur Balustrade hinauf):
Was hat das zu bedeuten?
DAS EHEPAAR:
Das ist doch Sisi!
EIN GROßONKEL ELISABETHS (gleichzeitig):
Eine Zirkuseinlage!
EIN SCHWAGER ELISABETHS:
Das hat ihr der Vater beigebracht.
EIN GROßNKEL ELISABETHS: (gleichzeitig):
Vllig verwahrlost, das Kind! Eine Schande!
EINE NICHTE LUDOVIKAS:
Im Trikot!
MEHRERE VERWANDTE (fast gleichzeitig):
Schockierend!
EINE TANTE ELISABETHS:
Mein Gott, wenn sie da herunter fllt!
EIN ONKEL ELISABETHS (gleichzeitig):
Sie wird sich das Genick brechen.
DAS EHEPAAR (gleichzeitig):
Um Himmelswillen!
Endlich wird auch Herzogin Ludovika auf den Auftritt ihrer Tochter aufmerksam...
LUDOVIKA:
Sisi! Hr auf! Sofort!
Doch Elisabeth schwingt immer hher und wilder.
EIN ONKEL ELISABETHS:
Lenk sie nicht ab, sonst fllt sie!
In diesem Moment wechselt das Schwingen die Richtung, die Seile verdrehen sich, das Trapez mit
Elisabeth zerreißt den Prospekt und sie sturzt ab.
Ein Aufschrei geht durch die Gste. Der Tod fngt Elisabeth auf und trgt sie durch den
Ri? im Prospekt auf die Mittelbuhne. Die beiden drehen sich wie in Zeitlupe in einem kurzen
Todestanz. Erstmals erklingt das Liebesthema. Lucheni kommentiert von außerhalb die Szene...
LUCHENI:
Per Dio! Es ist Liebe... e cotto!
Der Tod legt Elisabeth in ihr Bett und tritt ein paar Schritte zuruck, whrend Herzogin
Ludovika und einige ihrer Gste herbeieilen. Benommen richtet sich Elisabeth auf.
LUDOVIKA:
Um Himmelswillen!
VERSCHIEDENE VERWANDTE (durcheinander):
Sie lebt! Ein wahres Wunder, die dem Sturz.
Sie htte sich den Hals brechen knnen!
Was fur ein Schreck!
LUDOVIKA:
Mein Gott, Sisi! Bist du verletzt?
HELENE:
Ihr ist nichts passiert!
ELISABETH:
Mama, wenn ich lter werde,
such mir keinen Mann.
EIN ONKEL ELISABETHS:
Sie phantasiert...
ELISABETH:
Alles, was mich glucklich macht,
kann ich allein.
EIN SCHWAGER LUDOVIKAS:
Se redet wie ihr Vater!
ELISABETH:
Trume und Gedichte schreiben
oder reiten mit dem Wind...
EINE TANTE ELISABETHS:
Sie fiebert!
ELISABETH:
Ich mchte nie gebunden sein!
LUDOVIKA:
Ist schon gut, Sisi. Du legst dich jetzt erst mal ins Bett.
Leonard, schicken Sie nach dem Doktor!
Herzogin Ludovika, Helene und Elisabeth ab. Der Kammerdiener Leonard eilt davon. Die Gste ziehen
sich, den Vorfall mit gedmpften Stimmen kommentierend, zuruck. Die Szene versinkt im Dunkel.
3. AUDIENZSAAL DER HOFBURG IN WIEN
In einem Lichtspot auf der Vorderbuhne Lucheni. Er hat eine Zeitung gelesen, die er nun
zusammenfaltet.
LUCHENI:
Wir schreiben das Jahr achtzehnhundertdreiundfunfzig.
In Wien regiert nun der junge Kaiser Franz Joseph.
Seine Herrschaft beruht auf einem stehenden Heer von
Soldaten, einem sitzenden Heer von Beamten, einem
knienden Heer von Priestern und einem schleichenden
Heer von Denunzianten. Und - auf den Ratschlgen seiner
Mutter, von der man sagt, sie sei der einzige Mann bei
Hofe.
Lichtwechsel. Franz Joseph sitzt am Schreibtisch. Neben ihm steht seine Mutter, die Erzherzogin
Sophie. Sie legt Franz Joseph Schriftstucke zur Unterschrift vor. Etwas abseits der kaiserliche
Generaladjutant Graf Grunne.
SOPHIE (zu Franz Joseph):
Sei streng! Sei kalt!
Sei hart! Sei stark!
(zum Publikum)
Jedem gibt er das Seine,
alles bringt er ins Reine -
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
Mit einem Stab auf den Boden stoßend, kundigt Graf Grunne einen Besucher an.
GRuNNE:
Der Kardinalerzbischof!
Kardinalerzbischof Rauscher tritt auf. In der Hand hlt er eine Schriftmappe.
RAUSCHER:
Majestt, die heilige Kirche st?ßt auf Widerstand...
SOPHIE:
Emprend!
RAUSCHER:
Majestt, die Kirche wunscht die Schulaufsicht im Land!
Erzherzogin Sophie nimmt von Kardinalerzbischof Rauscher die Mappe, studiert das vorbereitete
Schriftstuck und legt es mit einem Kopfnicken Franz Joseph vor.
FRANZ JOSEPH:
Gewhrt!
Franz Joseph unterschreibt.
RAUSCHER, SOPHIE, GRuNNE:
Jedem gibt er das Seine,
alles bringt er ins Reine -
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
Inzwischen ist eine ganze Gruppe von Besuchern erschienen. Kardinalerzbischof Rauscher tritt
zuruck und Graf Grunne kundigt Furst Schwarzenberg an.
GRuNNE:
Der Herr Minister!
SCHWARZENBERG:
Majestt, das Volk will uns Minister kontrollier'n.
SOPHIE:
Wie lachhaft!
SCHWARZENBERG:
Ich schlag' vor, die Staatsverfassung schnellstens zu kassier'n.
Furst Schwarzenberg erhlt ein zustimmendes Nicken und zuruck. Nacheinander treten weitere
Besucher vor, jeweils angekundigt durch ein Klopfen mit dem Audjutantenstab.
BARON KEMPEN:
Majestt, das Spitzelwesen ist noch nicht perfekt.
SOPHIE:
Verbessern!
BARON HuBNER:
Majestt, erlauben Sie mein Eisenbahnprojekt!
FRANZ JOSEPH:
Gewhrt!
Franz Joseph unterschreibt zwei von Erzherzogin Sophie zugereichte Dekrete.
ALLE (außer Franz Joseph):
Jedem gibt er das Seine,
alles bringt er ins Reine -
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
FRANZ JOSEPH (seine Prinzipien rekapitulierend):
Nur an das Ganze denken,
kein Gefuhl verschenken.
Emsig, brav und schlicht:
Ein Diener der Pflicht.
LUCHENI (den Adjutanten nachffend):
Eine Mutter!
Die Todesengel bringen die Mutter eines Verurteilten herein. Sie fllt vor Franz Joseph auf die
Knie.
MUTTER:
Majestt, mein Sohn rief "Freiheit" und kam vor Gericht -
SOPHIE:
Erfreulich!
MUTTER:
Gnade! Gnade!
Was auch war, den Tod verdient er nicht!
Franz Joseph steht auf. Er ringt mit sich.
FRANZ JOSEPH:
Wenn ich so knnte, wie ich wollte...
M?ßt' ich nicht das tun, was ich sollte,
dann wr' ich lieber mitleidsvoll und gut.
SOPHIE (teilweise gleichzeitig):
Sei streng! Sei stark!
Sei kalt! Sei hart!
Sei kalt! Sei hart!
FRANZ JOSEPH:
Abgelehnt!
Die Mutter des Verurteilten schreit verzweifelt auf. Sie wird von den Todesengeln von der Buhne
gezogen. Franz Joseph setzt seine Schreibarbeit fort.
SOPHIE:
Was liegt noch an?
GRuNNE:
Die Besprechung der politischen Lage.
Ein livrierter Lakai hat inzwischen eine Karte vom stlichen Mittelmeer entrollt. Furst
Schwarzenberg erlutert die gegenwrtige Krisensituation.
SCHWARZENBERG:
Majestt, der Krimkrieg droht sich ernsthaft auszuweiten.
Da? wir Ruand diesmal beisteh'n
ist nicht zu vermeiden.
Ruand danken wir die Rettung
vor der Revolution.
Außerdem: ein Stuck Turkei
erhalten wir als Lohn!
Franz Joseph sieht ratlos seine Mutter an. Erzherzogin Sophie zuckt die Schultern. Franz Joseph wendet
sich an seinen Adjutanten.
FRANZ JOSEPH:
Wie beurteilen Sie die Lage, Graf Grunne?
GRuNNE:
Stehn wir zu Ruand,
grollt uns England.
Gehen wir mit England,
zurnt uns Ruand.
In jedem Fall - ein Bundnis wr' fatal.
SCHWARZENBERG:
Wir mussen uns entscheiden!
SOPHIE:
Der Kaiser von sterreich mu? gar nichts!
ALLE (außer Franz Joseph):
Jedem gibt er das Seine,
alles bringt er ins Reine -
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
ALLE (außer Franz Joseph und Sophie):
Jedem gibt er das Seine,
alles bringt er ins Reine -
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
FRANZ JOSEPH (gleichzeitig, seine Prinzipien rekapitulierend):
Sich nie zu fruh entscheiden,
Ja und Nein vermeiden,
Habsburgs Vorteil sehn
und Opfern entgehn.
SOPHIE (gleichzeitig):
Sei glatt! Sei falsch! Sei schlau!
GRuNNE:
Ich darf Majestt untertnigst daran erinnern,
da? die Kutsche nach Bad Ischl wartet.
SOPHIE:
Meine Herren, die Audienz ist beendet!
SCHWARZENBERG:
Aber... Was soll ich nun dem russischen Botschafter sagen?
SOPHIE:
Kriege sollen andere fuhren.
Das gluckliche sterreich heiratet...
Erzherzogin Sophie wirft Franz Joseph einen aufmunternden Blick zu. Er hebt sich und geht mit ihr ab,
gefolgt von Graf Grunne. Alle anderen bilden, sich verbeugend eine Reihe...
SCHWARZENBERG, RAUSCHER, BARON KEMPEN,
BARON HuBNER, LAKAI:
Gott erhalte, Gott beschutze
uns den jungen Kaiser!
Blackout. Verwandlung.
4. BAD ISCHL
Lucheni mimt eine Gepcktrger.
LUCHENI:
Vor der Villa Eltz in Bad Ischl!
Ein Sommer in Bad Ischl ist immer eine Reise wert,
und das Herz so hoffnungsvoll.
Sophie hat ihrer Schwester die Sache gut erklrt,
doch sie luft nicht, wie sie soll -
Eine Kutsche fhrt vor, aus der Herzogin Ludovika, Helene, Elisabeth und die Gouvernante
aussteigen. Von der anderen Seite tritt Erzherzogin Sophie auf, begleitet von Grfin
Esterházy-Liechtenstein. Dienerschaft kummert sich um das Gepck.
SOPHIE:
Warum kommt ihr erst jetzt?
LUDOVIKA:
Ein Wetter hielt uns auf!
Wir brauchen jetzt ein wenig Ruhe...
SOPHIE:
Wo denkst du hin?
Der Kaiser erwartet euch um vier -
LUDOVIKA:
Was?
HELENE:
Schon?
SOPHIE:
Wie sieht Helene aus?
LUDOVIKA:
Max l?ßt sich entschuldigen... Doch
ich hab' Sisi mitgebracht.
SOPHIE:
Das Kleid ist ganz unmglich!
Scheuich die Frisur!
HELENE:
Ich zieh mich um!
SOPHIE:
Das geht nicht mehr! Einen Kaiser l?ßt man nicht warten!
Alle verschwinden. Verwandlung. Im Inneren der Villa Eltz wartet der junge Franz Joseph sichtlich
nervs auf die Gste. Diener stellen Sessel und einen Tisch bereit.
LUCHENI:
Was nutzt ein Plan - ist er auch noch so schlau!?
Er bleibt doch immer Theorie.
Und nur das eine wei? man ganz genau:
So wie man plant und denkt, so kommt es nie!
Quel bel progetto! Sarebbe bello cosi! Ma attentione:
So wie man plant und denkt, so kommt es nie!
Erzherzogin Sophie, Herzogin Ludovika, Helene und Elisabeth betreten den Salon der Villa. Franz Joseph
begr?ßt die Verwandten. Man nimmt in den Fauteuils Platz.
LUCHENI:
Die Mutter sind gesprchig,
der junge Kaiser schweigt.
Die Heiratskandidatin schwitzt.
Die Sache wird genierlich,
weil jetzt der Kaiser zeigt,
da? er Eigensinn besitzt.
SOPHIE:
Nun, Franz Joseph, sag rundheraus,
wie sie dir gefllt -
FRANZ JOSEPH:
Wer?
SOPHIE:
Deine reizende Cousine -
FRANZ JOSEPH:
Wie eine frische Mandel...
LUDOVIKA:
Wie was?
FRANZ JOSEPH:
... die grad zerspringt.
Erzherzogin Sophie wirft Herzogin Ludovika einen bedeutungsvollen Blick zu.
SOPHIE:
Das ist ja beinahe Poesie!
FRANZ JOSEPH:
Sie hat so liebe, sanfte Augen... und Lippen
rot wie Erdbeeren.
SOPHIE:
Und ein ordentliches Becken!
LUDOVIKA:
So?
FRANZ JOSEPH:
Auf dem Ball heut abend tanz ich...
SOPHIE:
Ja?
FRANZ JOSEPH:
nur mit ihr!
LUDOVIKA:
Er mag sie!
SOPHIE:
Nun, dann lad' sie ein...
(zu Helene)
Steh auf!
(zu Franz Joseph)
Geh zu ihr! Nimm sie in den Arm!
Franz Joseph erhebt sich, sichtlich verlegen. Helene nimmt lchelnd Haltung an und bietet Franz
Joseph die Hand. Dieser tritt einen Schritt zuruck, dreht sich schlieich abrupt um und
ergreift Elisabeths Hnde, um sie zu sich zu ziehen. Elisabeth ist wie alle anderen
uberrascht.
LUDOVIKA:
Wie?
SOPHIE:
Die?
Herzogin Ludovika und Erzherzogin Sophie blicken sich entsetzt an.
LUCHENI:
Was nutzt ein Plan - ist er auch noch so schlau!?
Er bleibt doch immer Theorie.
Und nur das eine wei? man ganz genau:
So wie man plant und denkt, so kommt es nie!
Erzherzogin Sophie, Herzogin Ludovika und Helene sind entsetzt aufgesprungen. Franz Joseph hlt
Elisabeth bei den Hnden und himmelt sie an.
HELENE:
Drei Jahre probiert - franzsisch parliert,...
FRANZ JOSEPH & ELISABTH:
Ich war sehr besorgt...
HELENE:
... Manieren einstudiert.
ELISABETH:
... mich hier zu langweilen.
SOPHIE & LUDIVIKA:
Drei Jahre Ermahnung, Erziehung und Planung...
FRANZ JOSEPH:
Mama knnte die Verlobung ubereilen.
ELISABETH:
Alles...
ELISABETH, HELENE, FRANZ JOSEPH,
SOPHIE & LUDOVIKA:
Umsonst! Alles umsonst!
LUCHENI (gleichzeitig):
Umsonst!
ELISABETH, HELENE, FRANZ JOSEPH,
SOPHIE, LUDOVIKA, LUCHENI:
Was nutzt ein Plan - ist er auch noch so schlau!?
Er bleibt doch immer Theorie.
Und nur das eine wei? man ganz genau:
So wie man plant und denkt, so kommt es nie!
LUCHENI:
Und nur das eine wei? man ganz genau:
So wie man plant und denkt, so kommt es nie!
Alle ab. Lichtwechsel. Verwandlung.
5. ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
Am 13. Mrz 1854 trifft der junge Kaiser Franz Joseph seine Braut Elisabeth in Possenhofen. Zum
ersten mal sind die Verlobten alleine.
FRANZ JOSEPH:
Eins mußt du wissen,
ein Kaiser ist nie fur sich allein.
Mit mir zu leben, wird oft nicht einfach fur dich sein.
ELISABETH:
Was andre wichtig finden,
zhlt nicht fur mich.
FRANZ JOSEPH:
Vieles wird sich ndern...
ELISABETH:
Doch ich hab' ja dich!
ELISABETH & FRANZ JOSEPH:
Nichts ist schwer,
solang du bei mir bist.
Wenn ich dich hab', gibt es nichts,
was unertrglich ist.
Wenn ich meinen Mut mal verlier,
finde ich ihn wieder bei dir.
Es fehlt mir nichts,
wenn du nur bei mir bist.
FRANZ JOSEPH:
Im Joch der vielen Pflichten
geht mancher Traum verlor'n...
ELISABETH:
Doch unser Traum bleibt nah!
FRANZ JOSEPH:
Wir sind nicht wie die andern
zum Glucklichsein gebor'n.
ELISABETH:
Doch fureinander da!
ELISABETH & FRANZ JOSEPH:
Du wirst das Leben bald
durch meine Augen sehn.
Und jeden Tag mich ein wenig
mehr verstehn...
Inzwischen hat Franz Joseph ein Kollier in den Hnden, das er Elisabeth um den Hals hngt. Das
Orchester ubernimmt die Chorusmelodie.
FRANZ JOSEPH:
Hier nimm diese Kette... als Zeichen,
da? du nun bei mir bist.
ELISABETH:
Wie kostbar!
FRANZ JOSEPH:
Ich lieb dich... Ich brauch dich!
ELISABETH:
Wie schwer die Kette ist...
ELISABETH:
Wenn ich meinen Mut mal verlier,
finde ich ihn wieder bei dir.
Es fehlt mir nichts,
wenn du nur bei mir bist.
FRANZ JOSEPH:
Ich lieb dich.
ELISABETH:
Ich lieb dich.
ELISABETH & FRANZ JOSEPH:
Ich brauch dich... La? mich nie allein!
Langsam versinkt die Szene im Dunkel. Verwandlung.
6. AUGUSTINERKIRCHE IN WIEN
Lucheni setzt seine Erzhlung fort.
LUCHENI:
Halb sieben Uhr abends in der Wiener
Augustinerkirche. Merkwurdige Zeit fur eine Trauung. Aber
passend an diesem 24. April 1854. Sehr passend,
porca miseria!
Orgelklang. Zehntausend Kerzen erhellen die festlich geschmuckte Kirche. Groteske
Hochzeitsgste - sterreichs Hochadel und Wurdentrger aus ganz Europa - ziehen in die
Kirche ein.
HOCHZEITSGSTE:
Alle Fragen sind gestellt
und alle Phrasen eingeubt.
Wir sind die letzten einer Welt,
aus der es keinen Ausweg gibt.
Die Tugenden sind einstudiert,
und alle Fluche sind gesagt,
und alle Segen revidiert.
Die H?ichkeit emprt uns nicht.
Die Schnheit scheint uns lngst banal.
Die gute Tat belehrt uns nicht.
Die bse Tat ist uns egal.
Denn alle Wunder sind geschehn
und alle Grenzen sind zerstrt.
Wir haben jedes Bild gesehn,
uns alle Klnge totgehrt.
Alle Fragen sind gestellt,
und alle Chancen sind verschenkt.
Wir sind die Letzten einer Welt,
die stets an ihren Selbstmord denkt.
Und alles, alles was passiert,
hilft uns, die Zeit zu uberstehn.
Weil jedes Leid uns delektiert,
sehn wir dich gerne untergehn
Elisabeth...
Elisabeth.
Das Brautpaar ist inzwischen vor den Altar getreten. Kardinalerzbischof Rauscher wendet sich im Rahmen
der Trauungszeremonie an Elisabeth.
RAUSCHER:
... Wenn das Euer Wille ist, so antwortet mit Ja!
Ein Augenblick atemlose Stille.
ELISABETH (nach einem Blick zu ihrer Mutter):
Ja!
Drohend hallen dumpfe Glockentne und der Klang von Bllerschussen von draußen
herein. Das Brautpaar wechselt die Ringe. Auf der Hinterbuhne sieht man den Tod am Strang einer
riesigen Totenglocke ziehen.
Verwandlung.
7. BALLSAAL IM SCHLO? SCHNBRUNN
Vor die Kirchenszene fllt ein Prospekt, der ein uberdimensioniertes Orchestrion zeigt. Nach
Art eines Adventskalenders besteht er aus lauter Klappturen, die sich nach und nach ffnen und
so immer vollstndiger den Blick in den dahinter liegenden illuminierten Ballsaal freigeben, in
dem die Hochzeitsgste und das Brautpaar tanzen...
Aus der ersten Ture der Orchestrions tritt Herzog Max, aus einer Zweiten gleich darauf die
Erzherzogin Sophie. Unabhngig voneinander ußern beide ihre Unzufriedenheit mit der
Hochzeit.
MAX:
Liebe macht dumm!
Sisi gibt fur ihn
auf, was das Leben verschnt.
Wien bringt sie um.
Sie sollte fliehn,
ehe sie sich dran gewhnt.
SOPHIE:
Liebe macht blind!
Franz wei? nicht, was er tut.
Er hat auf mich nicht gehrt.
MAX:
Warum mußte es der sein?
SOPHIE:
Seh ich das Kind,
packt mich die Wut.
Sie hat meine Plne zerstrt.
Der Kleinen fehlt fast alles...
MAX (gleichzeitig):
Dem Kaiser fehlt fast alles...
SOPHIE:
... was eine Kaiserin braucht.
MAX:
... was meine Sisi braucht.
SOPHIE:
Ich seh sie...
MAX & SOPHIE:
... und denk bei mir:
SOPHIE:
Er paßt nicht zu ihr!
MAX:
Sie paßt nicht zu ihm!
SOPHIE:
Er paßt nicht...
MAX & SOPHIE:
... er paßt nicht, er paßt nicht zu ihr!
Lichtwechsel. In Gruppen stehen die Hochzeitsgste am Rande der Tanzflche, auf der weiter
getanzt wird. Sie reden uber das Thema des Tages - die junge Braut und die neue Kaiserin.
Erzherzogin Sophie und Herzog Max verlieren sich in der Gesellschaft.
EIN ALTER ARISTOKRAT:
Was fur eine schne Trauung!
EIN JUNGER ARISTOKRAT:
Der Rauscher hat zu lang geredet.
IHRE EHEFRAUEN:
Wie immer!
HOCHZEITSGSTE (erste Gruppe; gleichzeitig):
Wirklich s??!
Ruhrend naiv! Und weich wie Wachs! Redet nicht viel.
EINE GRFIN:
Wie gefllt ihnen die neue Kaiserin?
ZWEI ARISTOKRATINNEN:
Aussehen tut sie nett.
DREI ARISTOKRATINNEN:
Sie ist wirklich lieb!
HOCHZEITSGSTE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
Neu am Hof,
einfach zu fuhrn. Mit der haben wir leichtes Spiel!
EIN GREIS:
Ihr Stammbaum hat zwar Fehler...
EIN JUNGER FuRST:
Das woll'n wir ubersehn!
ARISTOKRATINNEN:
Ein Kind noch!
ARISTOKRATEN:
Es gibt schlechte Omen...
GRFIN (gleichzeitig):
Sie ist freundlich...
ARISTOKRATEN:
... In der Schatzkammer...
MEHRERE ARISTOKRATINNEN (gleichzeitig):
Sie ist schuchtern!
ARISTOKRATEN:
... fiel die Krone zu Boden...
SOPHIE:
Sie ist naiv!
ARISTOKRATINNEN:
Und beim Aussteigen aus der Kutsche...
ARISTOKRATEN:
Etwas linkisch!
ARISTOKRATINNEN:
... verlor die junge Kaiserin...
ARISTOKRATEN:
Sie tut sich...
ARISTOKRATINNEN:
... beinah ihr neues Diadem.
ARISTOKRATEN:
... noch schwer!
HOCHZEITSGSTE (erste Gruppe):
Es ist fast wie im Mrchen:
Ein Kind wird Kaiserin!
So was gibt es sonst nicht mehr!
HOCHZEITSGSTE (zweite Gruppe):
Rot geweinte Augen! Ungeschickt und brav!
So entzuckend hilflos wie ein Schaf.
Hat kein Gewicht, ist ein kleines Licht.
ARISTOKRATINNEN:
Sie paßt gut hierher!
ARISTOKRATEN:
Sie paßt gut hierher!
SOPHIE:
Sie paßt nicht hierher!
MAX:
Sie paßt nicht hierher!
ARISTOKRATEN & ARISTOKRATINNEN:
Sie paßt gut...
MAX & SOPHIE:
Sie paßt nicht...
ALLE:
... sie paßt gut / nicht hierher!
Lichtwechsel. Inzwischen hat sich das Orchestrion ganz aufgelst. Der Blick geht in den strahlend
hellen Ballsaal. Noch einmal beteiligen sich alle Hochzeitsgste am Tanz. Der Hochzeitswalzer wird
zunehmend dissonanter, whrend der Tod mit seinen Engeln erscheint. Er geht durch die Tanzenden,
die leblos niedersinken. Nur das Kaiserpaar tanzt weiter. Der Tod gr?ßt Elisabeth, sie
lchelt ihm zu.
Die Musik wechselt. Franz Joseph erstarrt im Tanz. Der Tod lst Elisabeth aus dessen Armen und
tanzt selbst mit ihr.
TOD:
Es ist ein altes Thema, doch neu fur mich.
Zwei, die dieselbe lieben - nmlich dich.
Du hast dich entschieden: Ich hab' dich verpaßt.
Bin auf deiner Hochzeit nur der Gast.
Du hast dich abgewendet. Doch nur zum Schein.
Du willst ihm treu sein, doch du ldst mich ein.
Noch in seinen Armen lchelst du mir zu.
Und wohin das fuhr'n wird, weißt auch du -
Der letzte Tanz, der letzte Tanz
gehrt allein nur mir.
Den letzten Tanz, den letzten Tanz
tanz ich nur mit dir.
Die Zeit wird alt und mude, der Wein wird schal.
Die Luft ist schwul und stickig im Speisesaal.
Unsichtbare Augen, sehn uns beiden zu.
Alle warten auf das Rendezvous.
Der letzte Tanz, der letzte Tanz
gehrt allein nur mir.
Den letzten Tanz, den letzten Tanz
tanz ich allein mit dir.
Und so wart ich Dunkeln und schaue zu dir hin
als der große Verlierer. Doch ich wei?, ich gewinn!
Der letzte Tanz, der letzte Tanz
gehrt allein nur mir.
Den letzten Tanz, den letzten Tanz
tanz ich allein mit dir.
TOD & BALLGSTE:
Der letzte Tanz, der letzte Tanz
gehrt allein nur mir (dir).
Den letzten Tanz, den letzten Tanz
tanz (tanzt) ich (du) nur mit dir (ihr).
ANDERE BALLGSTE (gleichzeitig):
Wien am Ende. Zeitwende.
Alle Fragen sind gestellt.
Der Tod geht ab. Lichtwechsel. Das Kaiserpaar ist scheinbar alleine. Elisabeth beruhrt mit
zaghafter Zrtlichkeit Franz Josephs Wange.
Aus dem Dunkel von beiden Seiten Volk auf, gaffende Gestalten aus allen Bevlkerungsschichten. Mit
einer Geste fordert Lucheni das Volk auf, sich dem Paar zu nhern.
Franz Joseph und Elisabeth umarmen sich. Ihr Liebesthema klingt auf. Die Gaffer recken die Hlse.
Lucheni ahmt einen Jahrmarktsschreier nach. Mit einer einladenden Handbewegung ermutigt er die Gaffer,
jedes Taktgefuhl aufzugeben.
LUCHENI:
Treten Sie nher, meine Herrschaften. Werden
Sie Zeuge, wie der Kaiser von sterreich seine Braut zur
Gattin macht. Der Vollzug der Ehe ist die Voraussetzung
fur die Geburt des Thronfolgers. Deshalb, verehrtes
Publikum, ist diese Umarmung von ffentlichem Interesse...!
Elisabeth lst sich aus der Umarmung. Erschrocken blickt sie in die gaffenden Gesichter. Hastig
zieht sie Franz Joseph weg, um an anderer Stelle mit ihm ungestrt zu sein. Doch da stehen schon
andere Gaffer. Daraufhin verzichtet sie auf weitere Zrtlichkeiten.
ELISABETH:
Wenn du blo? kein Kaiser wrst,
gb' es gar nichts, was und trennt.
Elisabeth drngt Franz Joseph zu gehen. Die Gaffer folgen feixend. Lucheni sieht dem Brautpaar
nach.
LUCHENI:
Das Vglein ist in den Kfig geflogen, die Gittertur
wird zugemacht. Kann man's dem Volk verdenken,
da? es das Tierchen besichtigen will? Eine Raritt, in
Freiheit geboren und noch nicht dressiert!
Lichtwechsel. Verwandlung.
8. ELISABETHS GEMCHER IM SCHLO? LAXENBURG
Es ist fruher Morgen. Die Erzherzogin stattet ihrer Schwiegertochter einen nicht angekundigten
Besuch in Laxenburg ab. Begleitet von einer Hofdame und einem Trupp von Zofen, rauscht Erzherzogin
Sophie in das Appartement der Kaiserin. Elisabeths oberste Hofmeisterin, die Grfin
Esterházy-Liechtenstein, kommt Erzherzogin Sophie mit unterwurfiger Miene entgegen.
SOPHIE:
Wo ist die Kaiserin?
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Sie schlft noch, Hoheit!
SOPHIE:
Dann ist es hchste Zeit, sie aufzuwecken!
Die Grfin Esterházy-Liechtenstein verschwindet. Erzherzogin Sophie erlutert ihrer
Begleiterin den Zweck des Besuches.
SOPHIE:
Die Kaiserin ist noch sehr jung.
Sie braucht noch manche Frderung.
Zeit, da? sie lernt, was sich gehrt.
Zeit, da? sie jemand lehrt, sich zu fugen.
Sie ist verbauert ganz und gar.
HOFDAME:
Ganz recht!
SOPHIE:
Nimmt ihre Pflichten hier nicht wahr.
HOFDAME:
Sehr schlecht!
SOPHIE:
Hat das Gehorchen nicht geubt, ist in
sich selbst verliebt und nicht streng mit sich.
Eine Kaiserin mu? glnzen
im Bewußtsein ihrer Pflichten.
Mu? die Dynastie ergnzen
und verzichten.
HOFDAME:
In der Tat!
Elisabeth und die Grfin Esterházy-Liechtenstein kommen aus dem Schlafzimmer. Elisabeth
trgt nur ein Morgenrock uber dem Nachthemd. Sie ist noch ziemlich verschlafen.
ELISABETH:
Was ist den los?
SOPHIE:
Mein Kind, man schlft hier nicht so lang.
ELISABETH:
Warum?
SOPHIE:
Ich dulde keinen M?ßiggang!
ELISABETH:
Ich war so mude...
SOPHIE:
Um funf Uhr fruh beginnt der Tag,
punktlich zum Glockenschlag jeden Morgen.
ELISABETH:
Aber Franz Joseph hat mit gesagt,
ich sollte mich heut mal ausruhn.
SOPHIE:
Ausruhn wovon? Ich hab gefragt.
Ich wei?, da? du dich heut nacht geschont hast.
ELISABETH:
Das kann nicht sein...
SOPHIE:
Das sagte ich auch -
ELISABETH:
... Er wurde mich nicht an Sie verraten!
SOPHIE:
Vor mir hlt mein Sohn gar nichts geheim.
ELISABETH:
Das ist nicht wahr!
SOPHIE:
Dann frag ihn doch selber...
Gibt ihrer Hofdame ein Zeichen. Diese geht ab, um Franz Joseph zu holen.
ELISABETH:
Das werd' ich -
SOPHIE:
Er kam mit mir her!
Sie bemuht sich, sachlich zu bleiben.
Glaub mir, mein Kind, ich mein es gut.
ELISABETH:
Naturlich.
SOPHIE:
Ich wunsche keinerlei Disput!
ELISABETH:
Ich auch nicht.
SOPHIE:
Richte dich nach dem Zeremoniell,
dann bin ich schnell mit dir zufrieden.
ELISABETH:
Ich will heut reiten -
SOPHIE:
Ordinr!
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Und zu riskant!
SOPHIE:
Man treibt als Kaiserin nicht umher.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Wie degoutant!
ELISABETH:
Warum den nicht?
SOPHIE:
Weil man nicht soll, was nach dem
Protokoll streng verboten ist.
SOPHIE & GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Eine Kaiserin mu? glnzen
im Bewußtsein ihrer Pflichten.
Mu? die Dynastie ergnzen
und verzichten.
SOPHIE:
Zeig mir mal deine Zhne her!
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Aus gutem Grund.
ELISABETH:
Die Zhne?
SOPHIE:
Ja! Ist das so schwer?
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
ffnen sie den Mund! Elisabeth zeigt Erzherzogin Sophie die Zhne.
SOPHIE:
Die sind zu gelb, das darf nicht sein.
ELISABETH:
Bin ich ein Pferd? -
SOPHIE:
Nein! Jedoch ein Vorbild -
ELISABETH:
Sie kritisieren an mir nur herum.
Was ich auch will, ist verboten -
SOPHIE:
Ich will, da? du zur Kaiserin wirst.
Du bist noch nicht gezhmt und gezogen!
ELISABETH:
Ich glaub', Sie sind nur neidisch auf mich...
SOPHIE:
Neidisch auf dich?!
Das ist wirklich komisch!
Franz Joseph und die Hofdame betreten das Zimmer.
ELISABETH:
Ich will... -
SOPHIE:
Lern' erst mal bescheiden zu sein.
ELISABETH:
Ich mchte... -
SOPHIE:
Nein!
ELISABETH:
Hilf mir, Franz Joseph! Sieh, wie deine Mutter mich qult!
HOFDAME & GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Eine Kaiserin mu? glnzen
im Bewußtsein ihrer Pflichten.
Mu? die Dynastie ergnzen
und verzichten.
SOPHIE (gleichzeitig):
uberla? sie mir Sohn! Ich erzieh, ich erzieh sie schon. uberla? sie mir,
mein Sohn! Ich erzieh sie schon.
ELISABETH (gleichzeitig):
Sie qult mich, sie sperrt mich ein!
Hilf mir, la? mich nicht allein!
FRANZ JOSEPH:
Ich stunde gern an deiner Seite... Doch es
wr' besser fur uns beide, wenn du dem Rat meiner
Mutter folgst...
SOPHIE:
Sei streng! Sei stark!
ELISABETH:
Also, l?ßt du mich im Stich...
Sie dreht sich abrupt um und geht allein zur Rampe. Franz Joseph macht Anstalten, ihr zu folgen, wird
aber von Erzherzogin Sophie zuruckgehalten.
Lichtwechsel.
ELISABETH:
Ich will nicht gehorsam,
gezhmt und gezogen sein.
Ich will nicht bescheiden, beliebt und betrogen sein.
Ich bin nicht das Eigentum von dir,
denn ich gehr nur mir.
Ich mchte vom Drahtseil herabsehn auf diese Welt.
Ich mchte aufs Eis gehen und selbst sehn,
wie lang's mich hlt.
Was geht es dich an, was ich riskier!?
Ich gehr nur mir.
Willst du mich belehren
dann zwingst du mich blo?,
zu fliehn vor der lstigen Pflicht.
Willst du mich bekehren, dann rei? ich mich los
und flieg wie ein Vogel ins Licht.
Und will ich die Sterne, dann finde ich selbst dorthin.
Ich wachse und lerne und bleibe doch wie ich bin.
Ich wehr mich, bevor ich mich verlier!
Denn ich gehr nur mir.
Ich will nicht mit Fragen und Wunschen belastet sein,
vom Saum bis zum Kragen von Blicken betastet sein.
Ich flieh', wenn ich fremde Augen spur'.
Denn ich gehr nur mir.
Und willst du mich finden, dann halt mich nicht fest.
Ich geb' meine Freiheit nicht her.
Und willst du mich binden, verla? ich dein Nest
und tauch wie ein Vogel ins Meer.
Ich warte auf Freunde und suche Geborgenheit.
Ich teile die Freude, ich teile die Traurigkeit.
Doch verlang nicht mein Leben,
das kann ich dir nicht geben.
Denn ich gehr nur mir.
Nur mir!
Verwandlung.
9. STATIONEN EINER EHE
Auf einem Prospekt der Parkansicht des Schnbrunner Schlosses. Lucheni tritt als Filmvorfuhrer
auf, stellt Stativ und Vorfuhrgert hin und projiziert fruhe Aufnahmen aus der
sterreichischen Kaiserzeit auf den Prospekt.
LUCHENI:
Den Tod verdrießt es sehr, Elisabeth am Wiener
Hof zu sehn. Schlieich ist er abgeblitzt, man kann seinen
Groll verstehn. Drum: wenn trotz Milch und Honig ihr das
Leben hier nicht schmeckt, dann knnt' es durchaus
mglich sein, da? er dahinter steckt.
Im ersten Ehejahr l?ßt sie der Kaiser viel allein. Was tut's?
Ihr Papagei hat immer fur sie Zeit.
Im zweiten Ehejahr kriegt sie ihr erstes Tchterlein und
wird von ihren Mutterpflichten prompt befreit.
Der Prospekt ffnet sich und gibt in einem Ausschnitt den Blick auf eine Szene im Inneren des
Schlosses frei: Elisabeth steht vor ihrem Papageienkfig , ihr gegenuber die Erzherzogin
Sophie samt Hofdamen und den Zofen. Dazwischen Franz Joseph.
ELISABETH:
Wo ist meine Kleine?
SOPHIE:
Ich nehme mich ihrer an!
ELISABETH:
Ich will mein Kind wiederhaben!
SOPHIE:
Du siehst es dann und wann.
ELISABETH:
Ohne mich zu fragen, tauften Sie es Sophie. -
Ausgerechnet Ihren Namen!
SOPHIE:
Ich kumm're mich um sie!
ELISABETH:
Franz Joseph, deine Mutter
qult mich in einem fort!
Jetzt hat sie mein Kind gestohlen -
sprich ein klares Wort!
SOPHIE & HOFDAMEN (gleichzeitig):
Sie ist ja selbst noch fast ein Kind -
Sie kann kein Kind erziehn!
FRANZ JOSEPH:
Beruhig dich nur, mein Engel! Mama wei?,
was sie tut! Hat mit Kindern viel Erfahrung, und sie
meint es gut.
SOPHIE & HOFDAMEN (gleichzeitig):
Bedarf noch selbst der starken Hand - Am Kaiserhof von Wien.
ELISABETH:
Ich versteh, du stellst dich...
FRANZ JOSEPH:
Ich will keinen Streit...
ELISABETH:
... gegen mich!
FRANZ JOSEPH:
Versteh mich doch. Ich kann nicht anders.
ELISABETH:
Mein Kind! Ich will mein Kind!
Der Ausschnitt im Prospekt schließt sich wieder und die Szene verschwindet. Lucheni setzt seine
Filmvorfuhrungen fort.
LUCHENI:
Im dritten Ehejahr kommt wieder eine Tochter
an. Die Mutter heult umsonst - das Kind wird requiriert.
Und langsam wird ihr klar, da? sie nur was erreichen kann,
wenn man von ihr was will und sie den Preis diktiert.
Erneut ffnet sich der Prospekt. Wir sehen das Eßzimmer des Kaiserpaares. An anderer der
Buhne bert die Hofkamarilla.
FRANZ JOSEPH:
Auch deine Schnheit kann uns politisch nutzlich sein.
KAMARILLA (außer Graf Grunne):
Ihre Schnheit kann uns nutzen...
GRuNNE (gleichzeitig):
Man mu? die, die sich empren,
mit der Knute niederzwingen...
FRANZ JOSEPH:
Komm mit nach Ungarn, setz' deinen Zauber fur mich ein.
KAMARILLA (außer Graf Grunne; gleichzeitig):
... kann die Macht des Kaisers stutzen
GRuNNE (gleichzeitig):
... und danach mit Charme betren,
um vom Hals sie abzubringen.
ELISABETH:
Ich mchte meine Kinder.
Hol sie zuerst zuruck.
Dann will ich dich gern begleiten im Dienst der Politik.
KAMARILLA (gleichzeitig):
Ungarn und Italien sind vernarrt in schne Frauen...
ELISABETH:
Sie mussen mit mir reisen.
FRANZ JOSEPH:
Dafur sind sie zu klein.
KAMARILLA (gleichzeitig):
sterreich kann mehr denn je... ELISABETH:
Mit ihnen oder gar nicht!
FRANZ JOSEPH:
Bitte, dann soll es sein.
KAMARILLA (gleichzeitig):
... auf Charme und Liebreiz bau'n.
Der Prospekt schließt sich, die Szene verschwindet. Die Hofkamarilla geht ab. Lucheni packt sein
Vorfuhrgert zusammen.
LUCHENI:
So reist im vierten Ehejahr samt den zwei Kindern
das Kaiserpaar nach Ungarn, wo jemand auf sie wartet.
Sie wissen schon wer? - Oder...?
Lucheni ab. Der Prospekt geht hoch und gibt den Blick frei auf den Schloßplatz von Debrezin am
Abend. Franz Joseph und Elisabeth begr?ßen eine Gruppe ungarischer Magnaten. Drei Aristokraten
kommentieren den Auftritt Elisabeths mit gedmpften Stimmen.
EIN JUNGER UNGAR:
Die Kaiserin ist schn.
EIN EHEMALIGER REVOLUTIONR:
Wie steht sie zu Ungarn?
EIN LTERER ARISTOKRAT:
Sie liebt alles, was ihre Schwiegermutter haßt.
EIN EHEMALIGER REVOLUTIONR:
Dann wird sie uns unterstutzen.
EIN JUNGER UNGAR:
Sie sieht traurig aus.
EIN LTERER ARISTOKRAT:
Ihre Kinder sind krank. Die kleine
Sophie soll hohes Fieber haben.
EIN JUNGER UNGAR:
Die Sorge macht sie noch schner.
Die Kutsche des Todes fhrt herein. Der Tod steigt aus und geht auf Elisabeth zu. Auf sein Zeichen
ffnet ein Todesengel die Tur der Kutsche. Man sieht in ihrem Innern einen offenen Kindersarg
mit der Leiche der zweijhrigen Sophie.
ELISABETH:
Nein!!
Der Tod fordert Elisabeth mit einer lasziven Geste auf, ihm zu folgen.
TOD:
Weißt du noch, wie wir erbebten,
als wir zwei im Tanze schwebten?
Du brauchst mich. Ja, du brauchst mich.
Gib doch zu, da? du mich mehr liebst,
als den Mann an deiner Seite.
Auch wenn du ihm scheinbar mehr gibst,
du ziehst ihn in die Nacht.
Das Licht hat sich unterdessen ganz auf den Tod konzentriert. Die Gruppe im Hintergrund verschwindet
im Dunkel.
Die Schatten werden lnger.
Es wird Abend, eh' dein Tag begann.
Die Schatten werden lnger.
Diese Welt zerfllt, halt dich nicht fest daran!
Elisabeth scheint einen Moment lang unentschlossen, bevor sie sich vor dem Tod zu Franz Joseph
fluchtet. An ihm hlt sie sich fest.
Blackout. Verwandlung.
10. EIN WIENER KAFFEEHAUS
Lucheni als Kaffeehauskellner auf dem Weg von der Kuche zur Gaststube.
LUCHENI:
Ma que cazzo voi! Die Welt geht unter, indubbiamente.
Bei Hof hat man das noch nicht bemerkt. Aber in
den Kaffeehusern von Wien wei? das jeder.
Die Szene wird hell. An runden Tischen verschiedenen Kaffeehausbesucher. Sie lesen Zeitung, rauchen
Zigarren, schreiben, spielen Schach, langweilen und unterhalten sich. Lucheni serviert und nimmt
Bestellunge auf.
PROFESSOR:
Was steht im Feuilleton?
JOURNALIST:
Wie schmeckt heut die Bouillon?
STUDENT:
Spielt irgendwer mit mir Skat?
BOHEMIEN:
Mein Gott, ist mir wieder fad!
POET:
Unsre junge Kaiserin weint den ganzen Tag.
Sie ißt nicht mehr, seit sie ihr Kind verlor.
BOHEMIEN:
Noch eine Melange!
LUCHENI:
Noch eine Melange.
PROFESSOR:
Schwanger ist sie wohl auch!
JOURNALIST:
Sie zeigt nicht mehr den Bauch.
LUCHENI & POET:
Zu lang entbehren wir schon den Erben fur den Thron.
JOURNALIST:
In Zirkus Renz war sie neulich zu Gast.
PROFESSOR:
Der Mutter des Kaisers hat's gar nicht gepaßt.
ALLE (außer Lucheni):
No, und wenn schon -
wir sitzen im Kaffeehaus 'rum
und erwarten ghnend die Apokalypse.
LUCHENI:
Schwtzer! Wissen alles und nichts. Hocken da
per ingannare il tempo. Schlagen die Zeit tot. Tagaus,
tagein.
POET:
Wieder ein Jahr vorbei!
BOHEMIEN:
Das ist mir einerlei!
PROFESSOR (in der Zeitung lesend):
Wir haben ein Konkordat!
STUDENT:
Wer spielt heut mit mir Skat?
JOURNALIST:
Unser junger Kaiser zeigt nicht viel Geschick.
Jedenfalls nicht in der Politik.
BOHEMIEN:
Noch ein Likr!
PROFESSOR:
Der letzte Krieg um die Krim hat uns neutralisiert.
JOURNALIST:
Und jetzt ist sterreich politisch ganz isoliert.
PROFESSOR:
Frankreich, England, Ruand
stehn in einer Front.
Und jetzt gibt es Krieg im Piemont.
ALLE (außer Lucheni):
No, und wenn schon -
wir sitzen im Kaffeehaus 'rum
und erwarten ghnend die Apokalypse.
STUDENT:
Diesmal war es ein Sohn, wer htt' es geglaubt.
POET:
Und auch ihn hat man gleich der Mutter geraubt.
JOURNALIST:
Ich hab erfahr'n, sie mag die Magyarn!
PROFESSOR:
Denkt sie liberal?
BOHEMIEN:
Ist sie radikal?
ALLE (außer Lucheni):
Sie ist eine seltsame Frau!
No, und wenn schon, gut fur die Apokalypse.
LUCHENI:
Als Rudolf zur Welt kam,
hatte die Mutter im Wochenbett
eine schreckliche Vision.
Sie sah rote Fahnen,
Massen von Menschen am Ballhausplatz
mit Fusten sie bedrohn.
Sie sah Barrikaden
und darauf den eigenen Sohn
als Fuhrer der Revolution!
POET:
Herrlich exzentrisch!
BOHEMIEN:
Schn dekadent.
STUDENT & PROFESSOR:
sterreich braucht jetzt ein Parlament! ALLE:
No, und wenn schon -
wir sitzen im Kaffeehaus 'rum
und erwarten ghnend die Apokalypse.
No, und wenn schon -
wir sitzen im Kaffeehaus 'rum
und erwarten ghnend die Apokalypse.
ERSTE GRUPPE:
Weil uns fad ist, weil's net schad is...
ZWEITE GRUPPE (gleichzeitig):
Stieren, schnofeln, plauschen,
plaudern, rauchen, pofeln, raunzen, zaudern, lesen, dsen
beim Kaffee!
DRITTE GRUPPE (gleichzeitig):
Weil uns fad is, desolat is...
weil's net schad is, weil, was g'maht is
und parat is, g'schieht ja eh!
Lichtwechsel und Verwandlung.
11. ELISABETHS SCHLAFZIMMER
Eine Nacht in der Hofburg im Jahre 1865. Franz Joseph steht im Hausmantel vor Elisabeths
Schlafzimmertur, klopft, versucht einzutreten. Die Tur ist verschlossen. Im Schlafzimmer sitzt
Elisabeth an ihrem Sekretr und schreibt. Sie hrt Franz Joseph, macht aber keine Anstalten,
ihn einzulassen.
FRANZ JOSEPH:
Elisabeth? Mach auf, mein Engel.
Ich, dein Mann, sehn mich nach dir.
La? mich nicht warten!
Hinter mir liegt ein Tag voll Problemen.
Frankreich beginnt mir offen zu drohn.
Skandale, die kein Ende nehmen.
Staatsbankrott, Krieg und Revolution.
Eine Selbstmordwelle, neue Typhusflle.
Hilf mir einzuschlafen
so wie ein Schiff im sicher'n Hafen,
von deiner Zrtlichkeit bewacht
und ohne Wunsch fur eine Nacht.
Er kann sich nicht erklren, warum sie ihm nicht ffnet. Er lauscht an der Tur, bevor er
einen neuen Versuch macht...
Nun ffne mir, la? mich nicht warten.
Sei die Frau, die mich versteht, Elisabeth!
Elisabeth hat aufgehrt zu schreiben. Sie dreht sich auf ihrem Stuhl in Richtung zur Tur um.
ELISABETH:
Warum gehst du nicht zu deiner Mutter?
Sie war dir auch sonst immer lieber...
FRANZ JOSEPH:
Engel!
ELISABETH:
Verschon mich!
FRANZ JOSEPH:
Was hab ich getan?
ELISABETH:
Du l?ßt zu, da? Rudolf geqult wird.
FRANZ JOSEPH:
Rudolf? Geqult?
ELISABETH:
Ich hab alles erfahr'n. Deine Mutter gab ihn
ihrem Folterschergen.
FRANZ JOSEPH:
Sie l?ßt ihn erziehn!?
ELISABETH:
Er kann sich nicht wehr'n. Doch ich werd mir das
nicht lnger ansehen! Entweder sie oder ich!
Elisabeth steht auf und geht mit dem Schriftstuck in der Hand zur Tur.
Ich habe ein frmliches Ultimatum aufgesetzt. Wenn du
mich nicht verlieren willst, erfull' es! Ich mchte selbst
uber die Erziehung meiner Kinder bestimmen. Und von nun an will ich entscheiden, was ich tue und
lasse. Lies
mein Schreiben und entscheide dich: Fur deine Mutter
oder mich! Und jetzt la? mich allein.
Sie ffnet die Tur und hlt Franz Joseph das Papier mit ihrem Ultimatum hin. Bevor er
eintreten kann, schlgt sie die Tur vor ihm zu. Franz Joseph betrachtet benommen das
Schriftstuck, wendet sich ab und geht ins Dunkel.
Auf einem Diwan im Schlafzimmer sitzt der Tod. Elisabeth erschrickt, als sie ihn sieht.
TOD:
Elisabeth, sei nicht verzweifelt.
Ruh dich aus in meinem Arm.
Ich will dich trsten.
Flieh, und du wirst frei sein
und alles Kmpfen wird vorbei sein.
Ich fuhr dich fort aus Raum und Zeit
in eine be?'re Wirklichkeit.
Elisabeth! Elisabeth! Ich liebe dich...
ELISABETH:
Nein! Ich mchte leben.
Ich bin zu jung um aufzugeben.
Ich wei?, ich kann mich selbst befrein.
Jetzt setz ich meine Schnheit ein.
Geh! Ich will dich nicht!
Ich brauch dich nicht! Geh!
Mit einer entschiedenen Geste weist Elisabeth den Tod ab. Dieser weicht zuruck und verschwindet im
Nichts.
Verwandlung.
12. MARKTPLATZ IN WIEN
Ein fruher Herbstmorgen. Zwischen geschlossenen Marktbuden warten Arbeiter, Hausfrauen und
Dienstboten auf die ffnung des Milchladens. Die Tur der Milchausgabe wird endlich
geffnet und eine Hand hngt ein offenbar hufig benutztes Schild an einen Nagel. Sofort
schließt sich die Tur wieder. Die Wartenden werden unruhig. Lucheni liest vor, was auf dem
Schild steht.
FRAUEN:
Wann gibt's endlich Milch?
Warum wird uns nicht aufgemacht?
LUCHENI:
Heute keine Lieferung!
MNNER:
Wieder umsonst.
Die Kanne leer, wie so oft.
Umsonst gefrorn und gehofft, die halbe Nacht.
MENGE:
Jemand belugt uns.
Jemand betrugt uns.
Jemand hlt uns fur dumm.
Wir mussen hungern,
andere lungern
in den Palsten rum...
Schlu?!
Lucheni hetzt die Menge auf.
LUCHENI:
Wollt ihr wissen, wer die Milch euch nimmt?
MENGE:
Sag wer?
LUCHENI:
Die ganze Milch ist nur fur sie bestimmt!
MENGE:
Fur wen?
LUCHENI:
Fur eure Kaiserin! Sie braucht sie fur...
MENGE:
Fur was?
LUCHENI:
... ihr Bad!
MENGE:
Was?
LUCHENI:
Ja!
FRAUEN:
Was fur ein Skandal!
LUCHENI:
Ein Skandal!
FRAUEN:
Das htt' ich nie von ihr geglaubt!
LUCHENI:
Das httet ihr nie von ihr geglaubt!
MNNER:
Kinder sterben, weil's keine Milch gibt fur sie...
LUCHENI:
Keine Milch fur die Kinder!
MNNER:
... whrend sie badet darin...
LUCHENI:
Sie badet darin!
MNNER:
... und uns beraubt!
MENGE:
Was nutzt das Klagen,
man mu? verjagen,
die uns ins Ungluck fuhr'n!
LUCHENI:
Verjagt, die euch ins Ungluck fuhr'n!
MENGE:
Weg mit den Drohnen,
die uns nicht schonen -
Laßt sie die Volkswut spur'n!
LUCHENI:
La? sie die Volkswut spur'n!
MENGE:
Schlu?!
LUCHENI:
Wollt ihr hren, was die Kaiserin qult?
MENGE:
Sag, was?
LUCHENI:
Wenn sie in ihrem Kamm die Haare zhlt,...
MENGE:
Wie das?
LUCHENI:
... weint sie vor Kummer,
denn sie trauert um...
MENGE:
Um was?
LUCHENI:
... ihr Haar!
MENGE:
Was?
LUCHENI:
Ja!
MENGE (erste Gruppe):
Zeit, sich zu wehren!
LUCHENI:
Hchste Zeit!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
Nie mehr arm und reich!
MENGE (erste Gruppe):
Wir woll'n sie lehren...
LUCHENI:
Wir woll'n sie lehren!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
Hrt das Signal...
MENGE (erste Gruppe):
... da? man uns nicht verlacht.
LUCHENI:
Laßt euch nicht mehr verhhnen!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
... zur letzten Schlacht!
MENGE (erste Gruppe):
Brot fur die Armen!
LUCHENI:
Kmpft um eure Menschenwurde!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
Jeder ist gleich und wer nicht arbeiten will...
MENGE (erste Gruppe):
Recht statt Erbarmen!
LUCHENI:
Krieg in den Palsten!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
... der hat kein Recht uber uns...
MENGE (erste Gruppe):
Nieder mit jeder Macht!
LUCHENI:
Freiheit fur das Volk!
MENGE (zweite Gruppe; gleichzeitig):
... und keine Macht!
MENGE & LUCHENI:
Bruder seid bereit,
es ist soweit!
Schlu? mit dem Leid! Sagt ja!
Die neue Zeit ist da!
Lichtwechsel. Verwandlung.
13. ELISABETHS ANKLEIDEZIMMER
Spiegel, Frisiertisch, offene Kleiderschrnke. Im Hintergrund ein großer Paravant, hinter dem
Elisabeth badet und Toilette macht. Die Grfin Esterházy-Liechtenstein gibt der Friseuse und
den Kammerzofen Anweisungen. Zwei der Zofen tragen Milchkannen hinter den Paravant. Eine weitere Zofe
bereitet die Badetucher vor, die Friseuse mischt vor einer Anrichte das Shampoo fur die
bevorstehende Haarwsche der Kaiserin.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Die Kaiserin ist schon im Bad.
Senkt euren Blick, wenn ihr euch naht!
Und gießt behutsam und gemach
heiße Milch nach und nach in die Wanne.
Die Grfin Esterházy-Liechtenstein klatscht in die Hnde.
Sind ihre Tucher parfumiert?
ERSTE ZOFE (prsentiert die Badetucher):
Und gekreppt!
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Ist das Shampoo schon angeruhrt?
FRISEUSE (prsentiert das Shampoo):
Nach Rezept: Zuerst den Cognac,
dann das Ei - auf jedes Glas jeweils drei...
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
So verlangt sie es!
Unsre Kais'rin soll sich wiegen,
kmmen, pflegen und erfrischen,
statt sich in die Staatsintrigen einzumischen.
Auch die Erzherzogin findet das sehr vernunftig...
Zofen und Friseuse eilen zwischen Paravant und den Beistelltischen etc. hin und her.
Das Erdbeermus ist fur die Haut -
ZWEITE ZOFE:
Ich fang schon an, sie zu massier'n.
DRITTE ZOFE:
Hier fur den Teint das Sauerkraut.
FRISEUSE:
Ich mu? die Brauen retouschier'n.
ERSTE ZOFE:
Hier kommt das Kalbfleisch furs Gesicht.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Leg es in dicker Schicht auf die Wange.
Das Rosenwasser - wunderbar!
FRISEUSE:
Sechs Stunden mu? ich sie frisier'n.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Das macht die Augen hell und klar.
ZWEITE ZOFE:
Sie l?ßt sich tglich manikur'n.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Der Fleischsaft, sei sie mittags trinkt,
mu? bitte unbedingt vom Filet sein.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN; FRISEUSE & ZOFEN:
Unsre Kais'rin soll sich wiegen,
kmmen, pflegen und erfrischen,
statt sich in die Staatsintrigen einzumischen.
Alle sehen zu einer vom Publikum nicht einsehbaren Tur, durch die Franz Joseph uberraschend
das Ankleidezimmer betritt.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Der Kaiser!
ERSTE ZOFE:
Was?
ZWEITE ZOFE:
Der Kaiser?
DRITTE ZOFE:
Hier - in den Gemchern der Kaiserin?
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN &
ERSTE UND ZWEITE ZOFE:
Um diese Zeit?
DIE uBRIGEN ZOFEN:
Seltsam, noch nie kam der Kaiser um diese Zeit!
Alle verbeugen sich.
FRANZ JOSEPH:
Wo ist die Kaiserin? Ich mu? sie sprechen!
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Sie hat ihre Toilette noch nicht beendet, Majestt.
Aber sie knnen mit ihr sprechen. Sie
befindet sich hinter dem Paravant. Sie kann Sie hren.
Die Grfin Esterházy-Liechtenstein Gibt den Zofen ein Zeichen, sich zu entfernen. Zofen,
Friseuse und Grfin ab.
FRANZ JOSEPH:
Ich will dir nur sagen,
ich geh auf dein Schreiben ein.
Ich kann nicht ertragen,
von dir nicht geliebt zu sein.
Was immer du willst, ich geb' es dir,
bevor ich dich verlier.
Und willst du bestimmen,
wer Rudolf zum Mann erzieht,
dann soll es mir recht sein,
denn ich bin des Streitens mud.
Und was du auch sonst verlangst von mir,
gehrt von nun dir.
Ich herrsche und lenke,
bezwing das Gefuhl.
Gefuhl ist verboten fur mich.
Doch wenn ich an dich denke,
schweigt jedes Kalkul.
Ich werde mir untreu fur dich!
Man sieht Elisabeth in einem der Spiegel. Ihr Bild gleicht einem beruhmten Gemlde von Franz
Xaver Winterhalter aus dem Jahre 1864. Sie tritt aus dem Rahmen des Spiegels heraus... die
schnste Frau der Welt!
ELISABETH:
Soll ich dich verstehen,
will ich auch verstanden sein.
Ich will mit dir gehen,
doch sperr mich nicht lnger ein.
Du mußt mir nichts geben,
nur la? mir mein Leben!
Denn ich gehr nur mir.
Elisabeth streckt Franz Joseph die Hand entgegen, doch als er auf sie zugehen will, l?ßt sie die
Hand mit einer abweisenden Bewegung sinken und wendet sich ihrem Spiegelbild zu.
Ich gehr nur mir!
Blackout.
ENDE DES ERSTEN AKTES
ZWEITER AKT
1. VOR DER KATHEDRALE IN BUDA
Orgelklang. Lucheni erscheint uberraschend von hinten im Zuschauerraum. Er hat sich einen
Bauchladen umgehngt und agiert las Andenkenverkufer. Durch einen Gang des Theaters geht er
zur Buhne vor, wobei er zum Publikum singt.
LUCHENI:
Kommen Sie nher, meine Damen und Herren!
Whrend da drin in der Kathedrale an diesem
denkwurdigen 8. Juni 1867 der Kaiser von sterreich und die
uberirdisch schne Elisabeth Knig und Knigin von Ungarn werden.. haben Sie die
einmalige Gelegenheit, ein wertvolles
Erinnerungsstuck zu erwerben. Alles sehr billig! Bitte, treten
Sie nher!
Rhythmuswechsel.
Wie wr's mit diesem Bild:
Elisabeth als Mutter mit Rudolf ihrem Sohn -
Und hier: Ist das nicht nett?
Die Kaisers feiern Weihnacht im festlichen Salon.
Auf diesem Glas sehen wir
das Hohe Paar in Liebe zugeneigt.
Einen Teller hab' ich auch,
der Elisabeth beim Beten in der Hofkapelle zeigt.
Nehmt ein hubsches Souvenir mit
aus der kaiserlichen Welt!
Alles innig, lieb und sinnig, so wie es euch gefllt:
Kitsch! Kitsch! Kitsch!
Verzeiht nicht das Gesicht! Tut blo? nicht so,
als wrt ihr an der Wahrheit interessiert.
Die Wahrheit gibt's geschenkt, aber keiner will sie haben,
weil sie doch nur deprimiert. Elisabeth ist "in",
man spricht von ihr seit uber hundert Jahr'n.
Doch wie sie wirklich war,
das werdet ihr aus keinem Buch
und keinem Film erfahr'n -
Schon gar nicht von mir!
Was lie? ihr die Vergtzung? Was lie? ihr noch der Neid?
Was blieb von ihrem Leben als Bodenschatz der Zeit?
Kitsch! Kitsch! Kitsch!
Ich will euch was verraten:
Eure Sisi war in Wirklichkeit ein mieser Egoist.
Sie kmpfte um den Sohn, um Sophie zu beweisen,
da? sie die Strk're ist. Doch dann schob sie ihn ab.
Ihr kam's ja darauf an, sich zu befrei'n.
Sie lebte von der Monarchie und richtete sich in der
Schweiz ein Nummernkonto ein.
Aber was red ich!
Man hrt nur, was man hr'n will,
Drum bleibt nach etwas Zeit
von Schnheit und von Scheiße,
von Traum und Wirklichkeit nur Kitsch.
Kitsch! Kitsch! Kitsch!
Mit einer Geste l?ßt Lucheni den Vorhang aufgehen. Als riesige Kitschpostkarte sehen wir
ungarisches Volk auf dem sonnenuberfluteten Platz vor der Kathedrale., in der am 8. Juni 1867
Franz Joseph und Elisabeth die ungarische Knigswurde erhalten.
EIN UNGARISCHES MDCHEN:
Die Kirchentur geht auf!
EIN JUNGER UNGAR:
Die Messe ist vorbei!
EINE BuRGERSFRAU:
Sie kommen!
Einer beginnt zu singen, die Menge stimmt rasch mit ein.
EIN JUNGER UNGAR:
Ungarns Elend ist zu Ende -
Éljen, Éljen, Erzsébet! MNNER:
Sie bezwang die Widerstnde -
Éljen. Éljen, Erzsébet! MENGE:
Ungarns Elend ist zu Ende -
Éljen, Éljen, Erzsébet! Fort mit allem, was uns trennte:
Éljen, Éljen, Erzsébet! Lucheni kommentiert die Begeisterung als kritischer
Beobachter.
LUCHENI:
Ungarn, Elisabeth hat euch befreit!
Sie zog eure Karte aus dem Kartenhaus der Welt.
Dem Nationalismus gehrt die neue Zeit.
Er wird dafur sorgen, da? das Kaiserreich zerfllt!
MENGE:
Sie wird Ungarns Wunden heilen...
LUCHENI:
Anarchie und Vlkerchaos!
MENGE:
... Éljen, Éljen, Erzsébet!
LUCHENI:
sterreich zerfllt! MENGE:
Ungarns aufstieg, Habsburgs Ende...
LUCHENI:
Das Ende der alten Welt!
MENGE:
... Éljen, Éljen, Erzsébet!
Die Menge weicht zuruck. Die Totentanzgruppe eskortiert Elisabeth und Franz Joseph zur Kutsche des
Todes. Die Todesengel schutzen das einsteigende Kaiserpaar vor der Menge, als sei diese
feindselig.
MNNER:
Elisabeth! Elisabeth! Elisabeth! Elisabeth!
FRAUEN:
Elisabeth! Elisabeth!
LUCHENI:
Elisabeth!
Blackout.
2. EIN SCHLAFZIMMER IN DER HOFBURG
Die Kutsche des Todes aus dem vorigen Bild, jedoch in grotesker Verzerrung. Es ist Nacht. Die Kutsche
ffnet sich auf der ganzen Breitseite. In ihrem Inneren sieht man den 9jhrigen Rudolf. Er
schlft in einem unwirklich großen Kaiserbett, wlzt sich wie im Fieber, schreckt hoch,
wird wach. Er ruft nach seiner Mutter.
RUDOLF ALS KIND:
Mama?... Mama!
Mama, wo bist du? Kannst du mich hren?
Mir ist so kalt, nimm mich in den Arm.
Jeder sagt, ich darf dich nicht stren.
Warum kann ich nicht bei dir sein?
Mama, mein Zimmer ist nachts so finster.
Jetzt bin ich wach und furchte mich.
Niemand streicht mir ubers Haar, wenn ich wein.
Warum l?ßt du mich allein?
Auf einmal steht der Tod neben Rudolf.
TOD:
Sie hrt dich nicht. Ruf nicht nach ihr!
RUDOLF ALS KIND:
Wer bist du?
TOD:
Ich bin ein Freund. Wenn du mich brauchst, komm'
ich zu dir -
RUDOLF ALS KIND:
Bleib da!
TOD:
Ich bleib' dir nah!
RUDOLF ALS KIND:
Wenn ich mich anstreng',
kann ich ein Held sein.
Gestern schlug ich eine Katze tot.
Ich kann hart und bs' wie die Welt sein,
doch manchmal wr' ich lieber gern weich.
Der Tod nimmt Rudolf in den Arm.
Ach, Mama,
ich mchte immer bei dir sein.
Doch fhrst du fort, nimmst du mich nicht mit.
Und wenn du da bist, schließt du dich ein.
Warum l?ßt du mich allein?
Rudolf lst sich vom Tod. Dieser zieht sich zuruck. Die Kutsche verschwindet. Verwandlung.
3. EINE NERVENKLINIK IN DER NHE VON WIEN
In einem Lichtspot eine einsame Geigenvirtuosin auf der sonst dunklen Buhne. In einem anderen Spot
Lucheni.
LUCHENI:
Stupido Bambino! Man kann von einer Kaiserin
nicht verlangen, da? sie sich um Kinderkram kummert.
Sie hat Pflichten. Mu? zu den Armen und Kranken. Am
liebsten besucht sie die armen Kranken... im Irrenhaus.
Lichtwechsel. Im Besuchersaal der Landesirrenanstalt am Brundfeld warten rzte,
Irrenwrter, der Anstaltsgeistliche, Krankenschwestern und eine Anzahl von Patienten auf die
Ankunft der Kaiserin, die sich kurzfristig angesagt hat.
Elisabeth betritt in Begleitung ihrer Hofdame den Saal. rzte und Wrter verbeugen sich tief.
Der Direktor und der Anstaltsgeistliche bemuhen sich, der Kaiserin ihre Ergebenheit zu
demonstrieren. Die Patienten sind mit verschiedenen Handarbeiten beschftigt.
DIREKTOR:
Majestt!
ANSTALTSGEISTLICHER:
Welche Ehre...
Das geistesgestrte Frulein Windisch in einer der hinteren Reihen der Patienten zeigt
besonderes Interesse an der Besucherin und wird von einer resoluten Schwester mißtrauisch
beobachtet. Elisabeth unterbricht ungeduldig das Begr?ßungsritual.
ELISABETH:
Ich mchte die Patienten sehen.
Der Direktor und der Anstaltsgeistliche ubernehmen die Fuhrung. Ausgesuchte Patienten werden
Elisabeth vorgestellt. Wrter sorgen fur den reibungslosen Ablauf der Prsentation. Der
geisteskranke Maler Kratky zeigt Elisabeth ein Gemlde, auf dem dargestellt ist, da? alles
Lebendige vom Tod anderer Wesen lebt. Frulein Windisch beobachtet die Visite mit wachsendem
Mißfallen und unterbricht sie schlieich...
FRULEIN WINDISCH:
Frechheit! Es ist unerhrt. Was maßt
die Frau sich an! Das ist doch nicht die Kaiserin.
Wie kann sie sich unterstehn? Sie ist verruckt!
Elisabeth bin ich!
Die Geisteskranke wird in eine Zwangsjacke gesteckt. Sie wehrt sich emprt.
ELISABETH:
Lassen Sie sie los! Ich mchte mit ihr sprechen...
Sieh mich an! Erkennst du nicht die Kaiserin Elisabeth?
FRULEIN WINDISCH (versetzt, fast gleichzeitig):
Sieh mich an! Erkennst du nicht die Kaiserin Elisabeth?
ELISABETH:
Verneige dich vor mir!
FRULEIN WINDISCH:
Unverschmte Lugnerin, Betrugerin!
DIE ANDEREN PATIENTEN (fast gleichzeitig):
Lugnerin! Betrugerin!
FRULEIN WINDISCH:
Auf die Knie mit dir!
Bringt sie in ein Irrenhaus! Schafft sie hinaus!
DIE ANDEREN PATIENTEN (teilweise gleichzeitig):
Ins Irrenhaus! Irrenhaus!
FRULEIN WINDISCH:
Ich befehle es!
DIE ANDEREN PATIENTEN (teilweise gleichzeitig):
Sie mu? verruckt sein,
sie tut ja als wr in dem Wahnsinn ein Sinn!
Die Patienten geraten außer Kontrolle. rzte und Wrter versuchen, Herr der Situation zu
bleiben. Der Direktor und der Geistliche beschwren Elisabeth, sich zu entfernen. Sie aber weigert
sich zu gehen. Die Patienten werden fortgeschafft. Elisabeth bleibt zuruck.
ELISABETH:
Ich wollt', ich wre wie du.
In der Zwangsjacke statt im Korsett.
Dir schnurt man nur den Krper ein,
mir fesselt man die Seele.
Ich habe gekmpft
und mir alles ertrotzt.
Und was hab' ich erreicht?
Nichts, nichts, gar nichts!
Denn die einzige Lsung wr der Wahnsinn
und die einzige Rettung wr der Sturz.
Es lockt mich der Abgrund.
Ich mchte mich fallen lassen -
warum schaudert mir vor dem Sprung?
Wr ich nicht verdammt dazu
Elisabeth zu sein, dann wr ich Titania.
Und wurde lcheln, wenn man sagt: Sie ist verruckt!
Ich steh auf dem Seil und die Angst macht mich krank,
dann schau ich nach unten, seh ich
nichts, nichts, gar nichts!
Ich taste mich weiter mit suchendem Schritt
und furchte mich immer vor dem
nichts, nichts, gar nichts.
Wirklich frei macht wahrscheinlich nur der Wahnsinn.
Doch zum Wahnsinn fehlt mir der Mut.
So spiel ich die Starke und tu was ich tu,
als wr dieses Leben mehr als Tuschung, Irrtum, Betrug.
Als wr nichts, nichts, gar nichts genug.
Elisabeth geht ab. Langsam verlscht das Licht.
4. SALON DER ERZHERZOGIN SOPHIE IN DER HOFBURG
In einem Lichtspot Lucheni.
LUCHENI:
Ansonsten geht's ihr gut.
Der Kaiser hrt auf ihren Rat.
Er setzt im Spiel der Macht die Dame vor den Turm.
Die Schwiegermutter hlt
den Spielverlauf fur desolat
und sammelt ihre treue Schar zum letzten Sturm.
In den Gemchern der Erzherzogin haben sich Mitglieder der weitgehend entmachteten Hofkamarilla -
Kardinalerzbischof Rauscher, Furst Schwarzenberg, Baron Hubner, Baron Kempen und Graf
Grunne - zu einer Lagebesprechung mit Erzherzogin Sophie versammelt.
SOPHIE:
Ich bin emprt!
Die Monarchie wird zerstrt.
Elisabeth wird strker als ich.
Die Frage heißt: Wir oder sie!
GRuNNE:
Die Lage ist ernst wie noch nie.
RAUSCHER:
Es mu? was geschehn -
SCHWARZENBERG:
Und zwar gleich...
ALLE:
... sonst wird die Kaiserin zu einflußreich.
RAUSCHER:
Ich habe erfahr'n,
da? sie die heilige Kirche schmht.
Sie ist nicht religis,
verhhnt sogar das Schulgebet.
KEMPEN:
Sie hat auch gesagt,
das Konkordat sei ihr suspekt.
RAUSCHER:
Ich furchte, der Kaiser
durchschaut noch nicht, was sie bezweckt!
SOPHIE:
Die Frage heißt:
ALLE:
Wir oder sie! Es geht um die Monarchie.
SCHWARZENBERG:
Es mu? was passier'n.
HuBNER:
Aber was?
GRuNNE:
Auf unsern Kaiser ist jetzt kein Verla?.
SCHWARZENBERG:
Es ist unertrglich,
wie sie die Ungarn protegiert.
Ein Anfuhrer ist zum Staatsminister avanciert.
KEMPEN:
Sie kennt liberale und liest verbot'ne Literatur.
SCHWARZENBERG:
Wo soll das noch hinfuhr'n,
sie herrscht wie eine Pompadour.
SOPHIE, GRuNNE, SCHWARZENBERG, RAUSCHER:
Wir oder sie!
Die Lage ist ernst, wie noch nie.
Es mu? was gescheh'n und zwar gleich.
Sonst wird die Kaiserin zu einflußreich.
HuBENER (gleichzeitig):
Ihr Einflu? hier gefhrdet die Geschfte an der Brse.
KEMPEN (gleichzeitig):
Statt Goethe oder Schiller
rezitiert sie Heine Verse.
GRuNNE:
Ich kann ja den Kaiser versteh'n.
SOPHIE:
So?
GRuNNE:
Nun ja, als Mann...
HuBNER & KEMPEN:
... kann man...
SCHWARZENBERG & RAUSCHER:
Man kann...
ALLE (außer Sophie):
... den Kaiser verstehn.
GRuNNE (vielsagend):
Sie ist eben wirklich schn.
SOPHIE:
Schn sind auch andere.
SCHWARZENBERG:
O, ich versteh...
GRuNNE:
Ist das ein Plan?
RAUSCHER:
Eine Idee?
SOPHIE:
Feuer mu? man mit Feuer bekmpfen!
HuBNER:
Und eine Frau...
ALLE:
... mit einer Frau...?!
SOPHIE:
Man mu? den Kaiser von der Hrigkeit befrei'n!
HuBNER:
Er m?ßte erfahren,
da? es nicht nur die Eine gibt.
GRuNNE:
Es ist an der Zeit,
da? er mal eine andre liebt.
SCHWARZENBERG:
Man m?ßte fur ihn,
was ganz intimes arrangier'n.
GRuNNE:
Ich selbst ubernehm' es, ihm eine Circe zuzufuhr'n.
RAUSCHER:
Vom moralischen Standpunkt
mu? ich heftig gegen diesen Vorschlag protestieren.
Aber vom politischen halte ich ihn fur ausgezeichnet.
SOPHIE:
Die Frage heißt:
ALLE:
Wir oder sie! Es geht um die Monarchie.
Es mu? was gescheh'n...
Die Szene wird dunkel, whrend sich die Herren von der Erzherzogin Sophie verabschieden.
Verwandlung.
5. DAS WOLF'SCHE ETABLISSEMENT IN WIEN
Lucheni in einem Spot auf der Vorderbuhne.
LUCHENI:
Jeder Mann von Adel schwrmt fur die Kultur.
Er mag es wahr und gut und schn.
Es hebt und es verzaubert die mnnliche Natur
in Wien am Abend auszugehn.
Zum Gluck gibt es genugend Theater in der Stadt,
und ist dort grade nicht Saison,
und hat man auch die Mdels vom Hofballett schon satt,
dann geht man in Frau Wolfs Salon.
Das beruhmteste Bordell der Stadt - nur fur gehobene Kundschaft. uberwacht und kommandiert
von Frau Wolf prsentieren sich in dem pluschigen Salon mehrere Mdchen den Freiern. Frau
Wolf begr?ßt die Gste.
FRAU WOLF:
Nur kein Genieren! Warum sich zieren
in diesem Etablissement?
Raus mit den Krten, und nicht errten!
Wir sorgen furs Amusement.
FRAU WOLF & MDCHEN:
In Frau Wolfs Salon
sagt man nie Pardon.
Wenn der Drang sie ubermannt,...
FRAU WOLF:
... werden sie hier fulminant entspannt.
LUCHENI:
So viele nette Damen
in einem netten Rahmen...
FRAU WOLF:
Hier finden Sie, wovon man trumen kann.
Marie ist dumm und drollig,
Helen ist rund und mollig,
Tatjana fngt im Bett zu fluchen an.
Fur Herrn, die gerne schmusen,
Grit mit dem weichen Busen.
Und hier Madeleine empfehl ich jedem Mann...
LUCHENI:
... den die Gefahr noch fasziniert.
Die Kleine hat sich infiziert.
FRAU WOLF & MDCHEN:
Nur kein Genieren! Warum sich zieren
in diesem Etablissement?
Raus mit den Krten, und nicht errten!
Wir sorgen furs Amusement.
In Frau Wolfs Salon
sagt man nie Pardon.
Wenn der Drang sie ubermannt,...
FRAU WOLF:
... werden Sie fulminant entspannt!
Die Freier verschwinden mit einigen Mdchen. Graf Grunne erscheint. Frau Wolf begr?ßt ihn
als hochgestellten Kunden besonders untertnig. Sie zeigt ihm die gerade verfugbaren
Mdchen. Er geht von einer zur anderen. Lucheni kommentiert.
LUCHENI:
Nicht jeder kommt persnlich.
Es ist nicht ungewhnlich,
da? ein Vertrauter seinen Herrn vertritt.
Statt selbst hier anzusteigen,
l?ßt er sich alle zeigen
und nimmt fur seinen Herrn die Schnste mit.
Der hier kommt von ganz oben,
und er ist sehr zu loben.
Er trifft die Wahl mit Kennerblick..
Graf Grunne entscheidet sich fur die infizierte Madeleine, steckt Frau Wolf einen Geldschein
zu und geht mit Madeleine ab.
... Die Kleine wirkt so fiebrig hei?,
aus einem Grund, den er nicht wei?...
LUCHENI, MDCHEN, FRAU WOLF & FREIER:
Nur kein Genieren! Warum sich zieren
in diesem Etablissement?
Raus mit den Krten, und nicht errten!
Wir sorgen furs Amusement.
In Frau Wolfs Salon
sagt man nie Pardon.
Wenn der Drang sie ubermannt,
werden Sie hier fulminant entspannt!
LUCHENI:
Manchmal ist das Resultat frappant!
Lichtwechsel. Verwandlung.
6. ELISABETHS GYMNASTIKZIMMER IN SCHNBRUNN
Unter den Turnringen, die vom Tursturz hngen, liegt Elisabeths leblose Gestalt am Boden.
Grfin Esterházy-Liechtenstein entdeckt das Ungluck und schreit entsetzt auf.
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Hilfe, ein Arzt! Schnell, schnell.
Ihre Majestt die Kaiserin! Sie ist gesturzt.
Zwei Zofen eilen herbei.
Holen Sie Doktor Seeburger, er ist bei der Erzherzogin! - Sie
bleiben da. Helfen Sie mir, die Kaiserin auf die Ruhebank zu legen.
Die Grfin Esterházy-Liechtenstein und die Zofen eilen zu der Bewußtlosen und heben sie
auf eine hlzerne Liege. Dabei kommt Elisabeth wieder zu sich.
ELISABETH:
Was ist passiert...?
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Gott sei dank, sie ist wieder bei sich!
Haben Sie Schmerzen, Majestt?
ELISABETH:
Nein. Es geht schon wieder...
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Da kommt der Arzt. -
Der Arzt tritt auf. Man sieht nicht sein Gesicht.
ARZT:
Was ist geschehn?
GRFIN ESTERHÁZY-LIECHTENSTEIN:
Sie lag da unter den Ringen, ohnmchtig.
Es mu? ihr schwindelig geworden sein. Kein
Wunder, sie ißt ja nicht. Und dann diese Turnerei. Die
Erzherzogin war immer dagegen, und ich auch. Aber die
Kaiserin hrt ja nicht auf gutgemeinte Ratschlge.
ARZT:
Lassen Sie uns allein!
Die Grfin Esterházy-Liechtenstein und die Zofe entfernen sich. Der Arzt tritt an die
Holzbank, auf der Elisabeth liegt und beginnt mit der Untersuchung.
ARZT:
Ihr Puls...
ELISABETH:
Es geht schon besser.
ARZT:
Die Stirn ist hei?.
ELISABETH:
Es fehlt mir nichts!
ARZT:
Der Lidrand beinah wei?.
Wenn ich mich nicht irre -
und ich irre nie -
ist dies die gewisse Maladie.
Eine Infektion, Majestt. Nicht lebensgefhrlich, aber
unangenehm. Das, was man eine franzsische Krankheit
nennt...
Mit einem Ruck richtet sich Elisabeth auf.
ELISABETH:
Das ist infam! Was fllt ihnen ein?
Was Sie da sagen ist ganz unmglich!
ARZT:
Unmglich? Warum? Auch Kaiser sind schwach!
ELISABETH:
Mein Mann ist mir treu!
ARZT:
Das ist ein Irrtum.
ELISABETH:
Gott, wen das stimmt.
Hat mich mein Mann
tief in den Schmutz gezogen!
ARZT:
Das allerdings.
ELISABETH:
Ich werde ihn hassen,
werd' ihn fur immer verlassen!
Noch besser: ich bringe mich um!
ARZT:
Tu es, Elisabeth! Ich freu' mich auf dich.
Erst jetzt blickt sie dem Arzt ins Gesicht und erkennst, da? es der Tod ist.
ELISABETH:
Du?!!!
Er streift alle Mimikry ab und ist wieder ganz der Verfuhrer.
TOD:
Das ist vielleicht die letzte Chance.
Ergreif sie, flieh mit mir!
Komm tanz mit mir
den letzten Tanz!
La? alles hinter dir!
ELISABETH:
Nein, ich bleib da!
Mein Mann hat mir in Wahrheit
einen Gefallen getan.
Wo seine Moral zu Ende ist,
fngt meine Freiheit an.
Was mich nicht umbringt,
macht mich stark.
Ich werde es allen beweisen.
Seine Schuld gibt mir das Recht,
die Ketten zu zerreißen.
Sie reißt die Kette vom Hals, sie Franz Joseph ihr vor der Hochzeit geschenkt hat und wirft sie
dem Tod zu.
ELISABETH:
Geh!
Der Tod sieht, da? er diesmal nicht weiterkommt und geht ab.
Blackout. Verwandlung.
7. RASTLOSE JAHRE
Auf einer Lichtinsel in der Hofburg errtern Vertraute des Kaisers in gedmpftem Ton die Lage.
Franz Joseph sitzt schreibend an seinem Schreibtisch.
ADJUTANT:
Wie ist sie zu heilen?
LEIBARZT, OBERSTHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Nur kein Aufsehn!
LEIBARZT:
Ich riet zu Luftvernderung.
ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Strenges Schweigen!
OBERHOFMEISTER:
Sie will nach Madeira...
ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Sie mu? fortgehn!
ADJUTANT:
Das ist dem Kaiser viel zu weit.
LEIBARZT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Sich nicht zeigen!
KAMMERHERR:
Das wird sie nicht halten.
ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & LEIBARZT (gleichzeitig):
Nur kein Aufsehn!
LEIBARZT:
Grad drum will sie ja dorthin.
ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Strenges Schweigen!
FRANZ JOSEPH:
Mein armer Engel, ich hoffe,...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Nur kein Aufsehn!
FRANZ JOSEPH:
... du leidest nicht zu sehr...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Strenges Schweigen!
FRANZ JOSEPH:
... Ich zhl die Tage bis...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Nur kein Aufsehn!
FRANZ JOSEPH:
... zu deiner Wiederkehr...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Strenges Schweigen!
Stumm schreibt Franz Joseph weiter, whrend an anderer Stelle der Buhne Elisabeth in
Reisekleidung uber die Buhne eilt. Ihr folgen mit leichtem Gepck und gespannten
Sonnenschirmen sichtlich erschpft Hofdamen und Zofen.
HOFDAMEN & ZOFEN:
Nie kommt sie zur Ruhe,
hetzt uns von Ort zu Ort.
Kaum sind wir wo angekommen,
will sie schon wieder fort.
Heut auf steilen Pfaden,
morgen zuruck ans Meer.
Atemlos mit wunden F?ßen
keuchen wir hinterher.
Acht Stunden auf den Beinen,
immer bergab, bergauf.
Und auch wenn wir mude werden,
immer im Dauerlauf.
FRANZ JOSEPH, LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Wo ist sie jetzt? Was hat sie vor?
Wohin will sie nun ziehn?
HOFDAMEN & ZOFEN:
Nicht mal auf Madeira
hlt sie es lange aus.
Will nach Korfu, Pest und England,
nur nicht zuruck nachhaus.
FRANZ JOSEPH, LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Wie geht es ihr? Wen sieht sie noch?
Wann kommt sie mal nach Wien?
Whrend sich die Hofdamen und Zofen weiter schleppen, nimmt Elisabeth an einem Frisiertisch Platz.
Ihre Friseuse Feifalik kmmt sie, whrend Lucheni auf die Buhne gelaufen kommt und
Elisabeth einen Spiegel vorhlt.
LUCHENI:
Spieglein, Spieglein in der Hand, zehn Jahre ist sie
jetzt rumgerannt. Da wird man doch mal fragen durfen:
Ist sie noch immer jung - oder...?
Elisabeth l?ßt sich den Kamm zeigen. Lucheni bemerkt, da? die Friseuse ein ausgekmmtes Haar
in der Hand behlt und hinter ihrem Rucken versteckt. Er packt sie am Handgelenk und entwindet
ihr das Haar.
LUCHENI:
Costa stai combinando? - Aha! Ein graues Haar.
Scocciatura!
Lucheni, Elisabeth und Friseuse ab. Der Frisiertisch verschwindet.
Lichtwechsel.
Ein sichtlich gealterter Franz Joseph steht wie zuvor an seinem Schreibpult. Die Vertrauten des
Kaisers tauschen ihre Informationen uber die fern von Wien weilende Kaiserin aus.
FRANZ JOSEPH:
Seit Mama tot ist, mein Engel...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Sie kauft Pferde.
FRANZ JOSEPH:
... fehlst du mir noch viel mehr...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Sie lernt Griechisch.
FRANZ JOSEPH:
... Rudolf wird achtundzwanzig...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Schreibt Gedichte,...
FRANZ JOSEPH:
... und er sekkiert mich sehr...
LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
... turnt und hungert.
Erneut kommen Elisabeth und ihr Gefolge uber die Buhne geeilt.
HOFDAMEN & ZOFEN:
Nie kommt sie zur Ruhe,
hetzt uns von Ort zu Ort.
Kaum sind wir wo angekommen.
Will sie schon wieder fort.
FRANZ JOSEPH, LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Wo ist sie jetzt? Was hat sie vor?
Wohin will sie nun ziehn?
HOFDAMEN & ZOFEN:
Heut auf steilen Pfaden,
morgen zuruck ans Meer.
Atomlos mit wunden F?ßen
keuchen wir hinterher.
FRANZ JOSEPH, LEIBARZT, ADJUTANT, OBERHOFMEISTER & KAMMERHERR (gleichzeitig):
Wie geht es ihr? Wen sieht sie noch?
Wann kommt sie mal nach Wien?
Wieder springt Lucheni der Kaiserin in den Weg und hlt ihr seinen Spiegel vors Gesicht. Hofdamen
und Zofen gehen ab.
LUCHENI:
Achtzeh Jahre luft sie schon panisch der Angst
vor dem Nichts davon. Da wird man doch mal fragen
durfen: Ist sie immer noch schn - oder...?
Elisabeth greift nach dem Spiegel und zerbricht ihn, bevor sie von der Buhne eilt. Lucheni lacht
ihr hhnisch hinterher.
? una vera mimosa. Und reitet doch wie der Teufel. Immer vorneweg! Ecco!
Verwandlung. Lucheni zeigt in Richtung Publikum. Von dort hrt man das Drhnen galoppierender
Pferdehufe und das Klffen einer Hundemeute. Alle Gruppen auf der Buhne und der Rest des
Ensembles blicken in Richtung, in die Lucheni zeigt. Gespannt verfolgen sie eine imaginre
Treibjagd im englischen Eaton Neston.
ALLE:
Da sind sie und jagen durch Dickicht und Graben und
uber Flu? und Gatter weg. Wie fliegen die Mhnen, wie schumen die Muler, wie
spritzt der aufgeworf'ne Dreck!
LUCHENI:
Da kommt die. Sie reitet gleich hinter der Meute
und macht vor keiner Hurde halt!
ALLE:
Voruber und weiter, schon sind sie verschwunden
hinterm Gebusch, hinter dem Wald.
LUCHENI:
Da sind sie schon wieder! Der Captain ganz vorne.
Elisabeth jagt hinterher.
ALLE:
Jetzt kommt eine Mauer. Die Pferde sie Zgern.
Doch seht, der Captain wagt den Sprung!
Sein Pferd streift die Steine. Hart sturzt er zu Boden.
Und schon kommt die Verfolgerin.
Gibt ihrem Pferd die Sporen.
Sprengt zu auf die Mauer und lacht dabei.
O Gott, sie springt!
LUCHENI:
Und schon ist sie vorbei!
Alle ab. Lichtwechsel. Verwandlung.
8. IN DER KUTSCHE DES TODES
Ein fruher Morgen im Jahre 1888. Die Kutsche des Todes aus dem 2. Bild des zweiten Aktes. Lucheni
st?ßt Rudolf von der Seitenbuhne zur Kutsche. Dort wirft dieser sich auf sein Kaiserbett und
verbirgt das Gesicht in den Armen. Der Tod kommt von der Seite und beruhrt Rudolfs Schulter.
TOD:
Zeit, da? wir uns endlich sprechen.
Zeit, das Schweigen zu durchbrechen.
Du kennst mich. Ja, du kennst mich.
Weißt du noch? Du warst ein Knabe,
als ich dir versprochen habe,
da? ich dir immer nah bleib'.
RUDOLF:
O, ich hab' dich nie vergessen.
Meinen Freund, nachdem ich rufe,
wenn mich meine ngste fressen.
TOD:
Ich komm', weil du mich brauchst!
TOD & RUDOLF:
Die Schatten werden lnger
und doch bleiben alle blind und stumm.
Zum Klang der Rattenfnger
tanzt man wild ums goldne Kalb herum.
Die Schatten werden lnger...
Es ist funf vor zwlf, die Zeit ist beinah um!
RUDOLF:
Zeit, den Ri? der Welt zu sehen.
Knnt ich nur das Steuer drehen!
Doch ich mu? daneben stehen.
Man bindet mir die Hnde.
TOD:
Nichts ist schlimmer als zu wissen,
wie das Unheil sich entwickelt,
und in Ohnmacht zuseh'n mussen.
RUDOLF:
Es macht mich vllig krank!
Hinter der Kutsche erkennt man schemenhaft den Chor der Toten.
TOD, RUDOLF & TOTE:
Die Schatten werden lnger
und die Lieder werden kalt und schrill.
Der Teufelskreis wird enger,
doch man glaubt nur, was man glauben will.
Die Schatten werden lnger...
Es ist funf vor zwlf, warum hlt jeder still?
TOD:
Was hlt dich zuruck? Dies ist der Augenblick!
Greif nach der Macht! Tu es aus Notwehr!
RUDOLF:
Notwehr?
TOD, RUDOLF & TOTE:
Die Schatten werden lnger.
Was gescheh'n mu?, das mu? jetzt gescheh'n.
Der Teufelskreis wird enger
man mu? dem Unheil widersteh'n!
Die Schatten werden lnger...
Kaiser Rudolf wird der Zeit entgegengeh'n!
Schlußbild. Verwandlung.
9. DIE LOGGIA EINER VILLA IN KORFU
Eine Mondnacht auf Korfu. Auf der offenen Loggia einer italienischen Villa sitzt Elisabeth zwischen
flackernden Kerzen allein an einem Tisch, auf dem Schreibpapier liegt. Sie taucht die Feder ins
Tintenfa?. Unwirkliche Klnge. Ein Windsto?. Elisabeth spurt die Nhe eines Geistes und
hebt beschwrend die Hnde.
ELISABETH:
O, ich fuhle deine Nhe. Komm und zeig dich!
Ich ahn, verwandte Seele... wer du bist - ich erwart dich,
Heinrich Heine. Bleib bei mir, enttusch mich nicht.
Komm und diktier' mir noch ein Gedicht!
Ich hab Feder und Papier wie stets breit gelegt.
Irgendwo in der Dunkelheit ist die imaginre Gestalt von Herzog Max gegenwrtig.
MAX:
Mir fllt nichts ein.
ELISABETH:
Vater...?
Du bist es, ich erkenn' dich!
ELISABETH & MAX:
Trumen und Gedichte schreiben
oder reiten mit dem Wind...
ELISABETH:
Ich wollte mal so sein wie du.
MAX:
Warum sprichst du mit den Toten?
Das gefllt mir nicht -
ELISABETH:
Was soll ich denn mit den Lebenden noch reden...?!
MAX:
Du bist zynisch, du bist bitter und allein.
ELISABETH:
... Sie haben mich zur Kaiserin dressiert!
MAX:
Um dich selber einzuschließen,
mußtest du dich nicht befrei'n.
ELISABETH:
Mich ekelt alles an!
MAX:
Man mu? sich bemuhen, glucklich zu sein.
ELISABETH:
Wozu sich selbst belugen?
MAX:
Du hast niemals aufgegeben.
Nichts nahm dir den Mut.
ELISABETH:
Vielleicht - weil ich noch nichts wußte von den Menschen... -
MAX:
Wolltest leben ohne Zugel und Tabu.
ELISABETH:
Das ist wahr!
ELISABETH & MAX:
Leben, frei wie ein Zigeuner
mit der Zither unterm Arm...
ELISABETH:
Nun ist es zu spt...
MAX:
Adieu, Sisi!
ELISABETH:
... Jetzt bin ich aus Stein. Nie werde ich so sein
wie du!
Es wird rasch ganz dunkel. Verwandlung.
10. AUF DEM OPERNRING IN WIEN
Ein Mrznachmittag im Jahre 1888. Anhnger des Fuhrers der Alldeutschen Partei Georg
Ritter von Schnerer blockieren den Wiener Opernring. Der Verkehr staut sich. Lucheni sitzt auf
einem Bauzaun und sieht in die Richtung, aus der sich der Zug der Demonstranten nhert.
STIMMEN DER DEMONSTRANTEN (nherkommend):
Ha? dem Rest der Welt! Der Starke siegt, der Schwache fllt!
Heil der deutschen Wacht! Ein starker Mann mu? an die Macht!
Aus dem Fenster einer der am Weiterfahren gehinderten Kutsche blickt ein Baron.
BARON:
Was ist los? Warum geht's nicht weiter?
LUCHENI:
Eine Demonstration, Signore. Nationalisten,
Antisemiten! Anhnger von Schnerer. Non c'? niente da fare.
STIMMEN DER DEMONSTRANTEN (teilweise gleichzeitig):
Ha? und Gewalt denen, die nicht sind wie wir!
Und die sich breitmachen hier, jagt sie davon!
Die Demonstranten strmen auf die Buhne. Sie tragen Fahnen und Spruchbnder und skandieren
ihre Parolen mit Blick zum Publikum.
DEMONSTRANTEN:
Mit Sozialisten und Pazifisten fackeln wir nicht mehr lang!
Die Judenschreiber, die Judenweiber
sind unser Untergang! Schlu?!
Einzelne Demonstranten hetzen die anderen auf.
EIN PROFESSOR:
Sie kerkern unsern Fuhrer ein!
DEMONSTRANTEN:
Pfui!
KLEINBuRGER:
Der Richter mu? ein Jude sein!
DEMONSTRANTEN:
Ein Schwein!
JOURNALIST:
Die Juden schutzt ein hoher Herr!
DEMONSTRANTEN:
Wer?
JOURNALIST:
Der Kronprinz!
DEMONSTRANTEN:
Pfui!
KORPSSTUDENT, PROFESSOR, KLEINBuRGER & JOURNALIST:
Judenknecht!
EIN KAISERTREUER PASSANT:
Emprend! Was ist das?
DEMONSTRANTEN:
Heil!
LUCHENI:
Der Fortschritt, cazzone! Unverkennbar:
Das 20. Jahrhundert. Es schreitet aus!
DEMONSTRANTEN:
Dem Volk ein Reich!
Ha? und Gewalt denen, die nicht sind wie wir!
Und die sich breitmachen hier, jagt sie davon!
KORPSSTUDENT:
Der Kronprinz treibt es mit den Judenweibern!
ERSTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Nieder mit Habsburg!
ZWEIT GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Deutschland den Deutschen!
PROFESSOR:
Die Kaiserin verhhnt den deutschen Geist!
DRITTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Stolz steh die Wacht am Rhein.
ERSTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Weg mit dem Kronprinz!
KLEINBuRGER:
Nieder mit Ungarn!
ZWEITE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Anschlu? an Preußen!
DRITTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Wilhelm soll Kaiser sein!
JOURNALIST:
Wilhelm der Zweite ist unser Mann!
ALLE DEMONSTRANTEN:
Ja!
Lucheni mischt sich unter die Demonstranten.
LUCHENI:
Wißt ihr das Neuste von der Kaiserin?
DEMONSTRANTEN:
Was?
LUCHENI:
Sie sammelt Geld in ihrem Eigensinn!
DEMONSTRANTEN:
Fur wen?
LUCHENI:
Fur Heinrich Heine will sie hier in Wien...
DEMONSTRANTEN:
Was?
LUCHENI:
... ein Denkmal bau'n!
DEMONSTRANTEN:
Pfui!
KLEINBuRGER:
Frechheit!
ERSTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Reinheit und Strke!
LUCHENI:
Sie hat eine Vorliebe fur Irrenhuser!
ZWEIT GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Christliche Werte!
DRITTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Schlu? mit dem Volksverrat!
LUCHENI:
Gesund ist sie jedenfalls nicht!
PROFESSOR:
Ein Volk! Ein Reich!
ERSTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Freiheit dem Fuhrer!
ZWEITE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Tod den Baronen!
DRITTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Fort mit dem Slawenstaat!
KORPSSTUDENT:
Herrenmenschen brauchen keine Herren!
ERSTE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN:
Rasse! Masse! Pracht!
Einheit! Reinheit! Macht!
Rasse! Masse! Pracht!
ZWEITE GRUPPE DER DEMONSTRANTEN (gleichzeitig):
Heil und Sieg und Sieg und Heil und Heil und Sieg und Heil,
Siegheil, Siegheil, Siegheil!
ALLE DEMONSTRANTEN:
Siegheil!
Das Schlußbild ist die Vision eines faschistischen Aufmarsch des 20. Jahrhunderts.
Blackout. Verwandlung.
11. IN DER HERMESVILLA
In einem Spiegel sieht man Elisabeth vor einem Schminktisch sitzen. Sie wird von der Friseuse Feifalik
gekmmt. Abseits im Raum erscheint Rudolf. Man hat ihm bedeutet, er musse warten.
RUDOLF:
Wie oft hab ich gewartet, da? du mit mir sprichst.
Wie hoffte ich, da? du endlich das Schwiegen brichst.
Doch sich erschreckt, wie hnlich wir beide uns sind:
So uberflussig, so uberdrussig
der Welt, die zu sterben beginnt.
Wenn ich dein Spiegel wr,
dann wurdest du dich in mir sehn...
Dann fiel's dir nicht so schwer,
was ich nicht sage, zu versteh'n...
Bis du dich umdrehst,
weil du dich zu gut in mir erkennst.
Du ziehst mich an
und l?ßt mich doch niemals zu dir.
Seh ich dich an,
weicht dein Blick immer aus vor mir.
Wir sind uns fremd und sind uns zutiefst verwandt.
Ich geb' dir Zeichen,
will dich erreichen,
doch zwischen uns steht eine Wand.
Wenn ich dein Spiegel wr,
dann wurdest du dich in mir sehn...
Dann fiel's dir nicht so schwer,
was ich nicht sage, zu verstehn...
Elisabeth dreht sich, wir sehen es im Spiegel, nach Rudolf um.
ELISABETH:
Was soll die Strung? Was gibt's?
Was willst du hier?
RUDOLF:
Mutter, ich brauch dich...
Ich komm' in hchster Not,
fuhl mich gefangen und umstellt.
Von der Gefahr bedroht, entehrt zu sein vor aller Welt.
Nur dir alleine kann ich anvertraun, worum es geht.
Ich seh keinen Ausweg mehr...
ELISABETH (gleichzeitig):
Ich will's nicht erfahren,...
RUDOLF:
Hof und Ehe sind mir eine Qual.
Ich krank, mein Leben leer...
ELISABETH (gleichzeitig):
... kann dir's nicht ersparen!
RUDOLF:
... Und dieser schreckliche Skandal!
Nur, wenn du fur mich beim Kaiser bittest,
ist es noch nicht zu spt!
Rudolf will auf das Spiegelbild zugehen.
ELISABETH:
Dem Kaiser bin ich lngst entglitten,
hab' alle Fesseln abgeschnitten.
Ich bitte nie -
Ich tu's auch nicht fur dich.
Das Spiegelbild verschwindet. Die Musik bricht ab.
RUDOLF:
Also, l?ßt du mich im Stich...
Die Szene verdunkelt sich. Verwandlung.
12. MAYERLING
Das Totentanz-Thema schwillt an. Ein Todesengel lockt Rudolf mit einer Pistole zu sich. Als dieser
nach der Waffe greifen will, schiebt der Todesengel diese uber den Boden einem Todesengel auf der
anderen Seite der Buhnen zu. Rudolf sturzt dorthin, doch bevor er die Pistole erreichen kann,
ist sie unterwegs zu einem dritten Todesengel und so fort. Immer verzweifelter versucht Rudolf in den
Besitz der Waffe zu kommen, immer schneller wechselt diese ihren Besitzer. Schlieich sturzt
Rudolf dem Tod in die Arme, der seiner jungen Geliebten Mary Vetsera gleicht. Rudolf und der Tod
tanzen im Walzertakt des Totentanzes. Endlich druckt der Tod die Pistole in Rudolfs Hand und
fuhrt sie an dessen Stirn. Er druckt ihm den Ku? des Todes auf die Lippen, whrend sich
der Schu? lst. Rudolf sackt leblos zu Boden. Der Tod breitet ein Tuch uber die Leiche und
verl?ßt mit seinen Engeln die Buhne.
13. KAPUZINERGRUFT
Mnche mit Kerzen in den Hnden folgen dem Sarg in die Kapuzinergruft. Die tief verschleierte
Elisabeth folgt dem Zug. Sie bleibt stehen und zieht sich den Schleier vom Gesicht.
ELISABETH:
Rudolf, wo bist du?
Hrst du mich rufen?
Du warst wie ich -
du hast mich gebraucht.
Ich lie? dich im Stich,
um mich zu befrei'n.
Wie kannst du mir je verzeih'n?
Ich hab' versagt... Ich trag die Schuld...
Vom Schmerz uberwltigt, versagt Elisabeth die Stimme. Dann faßt sie sich wieder...
Knnt ich nur einmal
dich noch umarmen
und dich beschutzen vor dieser Welt!
Doch es ist zu spt.
Sie schließen dich ein.
Beide bleiben wir allein...
Hinter den Gitterstben der Gruft sieht Elisabeth den Tod.
Komm ffne mir! La? mich nicht warten...
Bin ich nicht genug geqult? Erbarme dich!
Komm, s?ßer Tod... verfluchter Tod...
Erlse mich!
TOD:
Zu spt! Ich will dich nicht - Nicht so!
Ich brauch' dich nicht! Geh!
Weinend bricht Elisabeth zusammen. Das Licht verlscht.
Verwandlung.
14. EINE TERASSE BEI CAP MARTIN
Lucheni kommt in schnellen Schritten auf die Vorderbuhne. Er wischt sich den Schwei? von der Stirn
und prsentiert dem Publikum ein Leporello mit Postkarten von Elisabeth als "Mater dolorosa".
LUCHENI:
Mein neues Sortiment geht weg wie warme
Semmeln - Eine starke Kollektion.
Vor allem diese Bilder der schmerzensreichen Mutter
am Sarg von ihrem Sohn.
Das ruhrt doch jedes Herz.
Da schaudert man und denkt voll Sympathie:
Die Großen trifft es auch. Gott sei Dank sind wir
nicht reich und mchtig und erhht wie die!
Denn wer nicht ist wie alle,
dem wird die Zeit vergllt.
Das ist trstlich und moralisch.
So wie es euch gefllt: Kitsch! Kitsch!
Rhythmuswechsel.
Die Kaiserin indes reist immer noch herum.
Sie hungert, rennt und schweigt.
Und ab und zu fhrt ihr der Kaiser hinterher,
weil er zu Selbstbestrafung neigt.
Und ist sie, wenn er kommt,
noch da und nicht schon wieder auf der Flucht,
dann gibt's ein Rendezvous
in milder Vollmondnacht
mit Ausblick auf die Bucht...
Inzwischen hat sich Szene verwandelt: Eine klare Nacht im Februar 1895. Vor der Villa, die die
Kaiserin whrend ihres Aufenthalts an der Côte d'Azur bewohnt. Elisabeth und Franz Joseph
sind auf die Terrasse hinausgegangen, um sich unbelauscht vom Personal zu unterhalten. Es ist
kuhl. In der Ferne die Lichter des kleinen Hafens und das mondbeschienene Meer.
FRANZ JOSEPH:
Du weißt, warum ich gekommen bin.
ELISABETH:
Nein. Aber ich ahne es.
FRANZ JOSEPH:
Komm heim, Sisi. Wir gehren zusammen.
Ich glaube immer noch daran. Ich liebe dich. Und Liebe,
sagt man, kann alle Wunden heilen.
ELISABETH:
Liebe kann vieles,
doch manchmal ist Liebe nicht genug.
Glaube ist stark,
doch manchmal ist Glaube Selbstbetrug.
Wir wollten Wunder,
doch sie sind nicht gescheh'n.
Es wird Zeit, da? wir uns endlich eingesteh'n:
Wir sind wie zwei Boote in der Nacht.
Jedes hat sein eignes Ziel
und seine eigen Fracht.
Wir begegnen uns auf dem Meer,
und dann fllt der Abschied uns schwer.
Doch was uns treibt, liegt nicht in unsrer Macht.
FRANZ JOSEPH:
Du mchtest alles,
doch manchmal ist wenig schon sehr viel.
ELISABETH:
Dein Traum ist mir zu klein!
FRANZ JOSEPH:
Sich nah zu sein im Dunkeln,
genugt das nicht als Ziel?
ELISABETH:
Ich will nicht dein Schatten sein!
ELISABETH & FRANZ JOSEPH:
Knntest du einmal nur durch meine Augen sehn,
dann wurdest du mich nicht lnger mißverstehn...
Wir sind wie zwei Boote in der Nacht.
Jedes hat sein eignes Ziel
und seine eigne Fracht.
Wir begegnen uns auf dem Meer,
und oft fllt der Abschied uns schwer.
Warum wird uns das Gluck so schwer gemacht?
ELISABETH:
Du und ich, wir sind zwei Boote in der Nacht.
FRANZ JOSEPH (gleichzeitig):
Versteh' mich... Ich brauch' dich...
Ich lieb dich... Kannst du nicht bei mir sein?
ELISABETH:
Jedes hat sein eignes Ziel und seine eigene Fracht.
FRANZ JOSEPH (gleichzeitig):
Versteh mich... Ich brauch' dich...
Warum sind wir allein?
ELISABETH & FRANZ JOSEPH:
Wir begegnen uns auf dem Meer
und sind mehr allein als vorher...
Warum wird uns das Gluck so schwer gemacht?
FRANZ JOSEPH:
Ich lieb' dich!
ELISABETH:
Begreif' doch: Was nicht sein kann, kann nicht sein.
Beide ab.
Verwandlung.
15. AN DECK DER SINKENDEN WELT
Ein Exekutionskommando fuhrt Maximilian von Mexiko auf die halbdunkle Buhne und trifft
Anstalten, ihn zu erschießen. Fast gleichzeitig werden en anderen Stellen und auf anderen Ebenen
der Buhne verschiedene andere Szenen installiert, die mit dem Untergang des Hauses Habsburg zu tun
haben: Zwei Irrenwrter zwingen nacheinander Charlotte von Mexiko und Maria von Neapel in eine
Zwangsjacke. Ludwig II erwurgt Dr. Gudden und geht ins Wasser. Nationalisten schwenken
verschiedene Fahnen und beginnen, damit aufeinander einzuprugeln. Rudolf, als Kind, erschießt
seine Katzen. Rudolf, als Mann, erschießt Mary Vetsera und sich selbst. Sterbende und verwundete
Soldaten irren uber das Schlachtfeld von Solferino. Zerlumpte schwenken rote Fahnen. Die Herzogin
von Alencon erffnet einen Wohlttigkeitsbasar. Mit Gewehr im Anschlag zwingt Bismarck einen
Doppelgnger Franz Josephs in die Knie. Diese Szenen laufen teils realistisch, teils in Zeitlupe.
Teils ruckwrts wie beim Zuruckspulen eines Films und dann wieder von vorne ab. Lucheni
springt clownesk zwischen den lebenden Bildern hin und her. Er folgt dabei den stummen Befehlen, die
ihm der Tod gibt, indem er auf die diversen Gruppen zeigt.
LUCHENI (beim Exekutionskommando stehend und auf Maximilian deutend):
Maximilian von Habsburg... Kaiser von
Mexiko... Uno... Due... Feuer!!
er deutet auf die Frauen bei den Irrenwrtern
Maria von Wittelsbach... Knigin von Neapel...
Rein in die Zwangsjacke!
er ist inzwischen bei Ludwig II
Ludwig von Wittelsbach...
Knig von Bayern... ab ins Wasser!
Lucheni springt zur Herzogin von Alencon. Er ergreift eine Fackel und setzt ihre Kleider in Brand.
Sophie von Wittelsbach... Herzogin von Alencon...
Hinein in die Flammen!
CHOR:
Alle Fragen sind gestellt
und alle Phrasen eingeubt.
Wir sind die Letzten einer Welt
aus der es keinen Ausweg gibt...
Die Buhne gert zunehmend in eine Schrglage. Das Schiff, dessen Deck wir sehen, sinkt.
Der echte Franz Joseph kommt auf die Buhne gesturzt. Irritiert luft er von Gruppe zu
Gruppe, bis er begreift, wer das Oberkommando fuhrt. Er entdeckt den Tod.
... Denn alle Sunden sind gewagt.
Die Tugenden sind einstudiert.
Und alle Fluche sind gesagt
und alle Seegen revidiert...
LUCHENI (auf Franz Joseph deutend):
Franz Joseph!... Kaiser von sterreich!
FRANZ JOSEPH:
Was ist das hier? Ein Irrenhaus?
TOD:
Ihr sinkendes Schiff, Majestt!
FRANZ JOSEPH:
Wie komm' ich hierher?
TOD:
Fragen Sie mich nicht! Das ist doch Ihr Alptraum
CHOR:
Alles ein Alptraum, Alptraum!
FRANZ JOSEPH:
Warum sinkt das Schiff? Wo ist die Kaiserin?
TOD:
Elisabeth? Meine Elisabeth?
FRANZ JOSEPH:
M e i n e Elisabeth!
TOD:
Sie gehrt mir.
FRANZ JOSEPH:
Impertinenz!
TOD:
Sie liebt mich!
FRANZ JOSEPH:
Lugner! Narr! Schlu? mit dem Unsinn!
TOD:
Das ist doch Ihr Alptraum!
FRANZ JOSEPH:
Ich gab ihr mein Leben,...
TOD:
Armseliges Geschenk!
FRANZ JOSEPH:
... geb' ihr Halt und Sicherheit...
TOD:
Ich geb' ihr die Freiheit!
FRANZ JOSEPH:
... und Tradition!
CHOR:
Alles ein Alptraum, Alptraum!
Eine Explosion erschuttert die Szenerie. Flammen und Rauch schlagen aus einer Luke. Die
verschiedenen Gruppen agieren unbeeindruckt weiter. Krachend sturzen Trummer auf die
Buhne. Das Sinken des Schiffes tritt in die letzte Phase.
FRANZ JOSEPH:
Ich trage die Verantwortung fur sie!
TOD:
Ich lse ihre Fesseln.
FRANZ JOSEPH:
Ich rette sie.
TOD:
Nein, ich rette sie...
Der Tod zieht eine Dreikant-Feile aus dem Hemd und hlt das im Licht aufblitzende Instrument in
die Hhe.
... Damit!
FRANZ JOSEPH (gleichzeitig):
Was ist das?
TOD:
He, Lucheni, es ist soweit!
FRANZ JOSEPH:
Her damit! Sofort! Ich befehle es Ihnen... nein!
Lucheni streckt die Hand aus. Der Tod wirft ihm die Mordwaffe zu.
ERSTER CHOR:
Alle tanzten mit dem Tod...
ZWEITER CHOR (gleichzeitig):
Elisabeth, Elisabeth, Elisabeth, Elisabeth!
ERSTER CHOR:
... doch niemand wie Elisabeth.
TOD:
Elisabeth!
DRITTER CHOR (gleichzeitig):
Elisabeth! Elisabeth!
ERSTER CHOR:
Alle tanzten mit dem Tod...
ZWEITER CHOR (gleichzeitig):
Elisabeth, Elisabeth, Elisabeth, Elisabeth!
ERSTER CHOR:
... doch niemand wie Elisabeth!
FRANZ JOSEPH:
Elisabeth!
Die Szene reißt ab wie ein Film. Das Schiff versinkt im Schlund der Zeit.
Blackout.
EPILOG
Durch absolute Dunkelheit klingt die Stimme des Richters.
STIMME DES RICHTERS:
Was wollten Sie in Genf, Lucheni?
LUCHENI:
Den Prinzen von Orléans ermorden.
Aber er kam nicht.
Allmhlich wird es heller. Lucheni steht an der Rampe und blickt in die Richtung, aus der man sie
Stimme des Richters hrt.
STIMME DES RICHTERS:
Wieso dann die Kaiserin Elisabeth?
LUCHENI:
Il giornale! Ich las, da? sie gerade in der Stadt war.
STIMME DES RICHTERS:
Wann war das?
LUCHENI:
Am 10. September 1898. Un giorno bellissimo,
ein sonniger Tag.
Die Buhne ist nun wieder erleuchtet. Die Uferpromenade vor dem Genfer Hotel "Beau Rivage". Lucheni
zieht eine Zeitung aus seiner Jackentasche und liest darin.
Ein Schiffssignal ertnt. Elisabeth und die Grfin Sztáray treten auf, beide in
Reisekleidung, die Kaiserin mit einem weißen Sonnenschirm. Lucheni wirft die Zeitung fort,
zuckt die Feile und versteckt sich.
Elisabeth macht die Grfin Sztáray auf die Herbstblute der Kastanienbume
aufmerksam. Diese drngt zur Eile. Die beiden Damen gehen uber den menschenleeren Kai zur
Anlegestelle des Dampfschiffs.
Lucheni springt, die Deckung der Bume benutzend, uber die Straße und luft
blitzschnell auf Elisabeth zu. Sie und die Grfin Sztáray treten zur Seite, um dem Mann
auszuweichen.
Lucheni hebt die rechte Hand, buckt sich, als wollte er unter Elisabeths Sonnenschirm sehen und
st?ßt Elisabeth die Feile in die Brust. Sie sturzt rucklings zu Boden.
GRFIN SZTÁRAY:
Majestt! Oh!... Hilfe! O Gott!
Lucheni luft davon. Man hrt ihn lachen. Die Grfin hilft Elisabeth auf die Beine. Diese
wehrt die Hilfe ab und gibt zu erkennen, da? ihr nichts passiert ist. Sie richtet die in Unordnung
geratenen Haare und setzt dann mit der Grfin ihren Weg zum Schiff fort. Auf einmal faßt sich
Elisabeth an die Brust und sackt mit einem Seufzer zusammen. Entsetzt beugt sich die Grfin
uber sie.
GRFIN SZTÁRAY:
Ein Arzt. Schnell! Ein Arzt! Main Gott, sie stirbt!
Sie stirbt!!
Auf der Vorderbuhne erscheinen in diesem Moment Elisabeth und der Tod. Gleichzeitig kommen sie von
entgegengesetzten Seiten. Sie blicken sich an und gehen sehr langsam aufeinander zu. Die Szene im
Hintergrund erstarrt.
TOD:
Der Schleier fllt, verla? die Schatten. Ich hab mich so
nach dir gesehnt. La? mich nicht warten.
ELISABETH:
Mach die Nacht zum Morgen.
La? mich befreit sein und geborgen.
Lsch die Erinn'rung in mir aus,
gib meiner Seele ein Zuhaus!
TOD:
La? die Welt versinken!
TOD & ELISABETH:
Ich will mit dir im Nichts ertrinken,
mit dir als Feuer auferstehn
und in der Ewigkeit vergeh'n...
Elisabeth und der Tod umarmen sich leidenschaftlich.
Schlieich lst sich Elisabeth vom Tod und dreht sich zum Publikum.
ELISABETH:
Ich weinte, ich lachte,
war mutlos und hoffte neu.
Doch was ich auch machte,
mir selbst blieb ich immer treu.
ELISABETH & TOD:
Die Welt sucht vergebens
den Sinn meines / deines Lebens...
ELISABETH:
... denn ich gehr...
TOD:
Du gehrst...
ELISABETH & TOD:
... nur mir!
Der Tod k?ßt Elisabeth. An anderer Stelle der Buhne sieht man den zu lebenslanger Haft
verurteilten Lucheni in seiner Zelle. Er legt sich die Schlinge um den Hals, um Selbstmord zu begehen.
Sein Blick trifft sich mit dem des Todes. Die Szene erstarrt.
Blackout.
ENDE DES ZWEITEN AKTES
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